Hülya Lehr ist aus dem Ausländerbeirat ausgetreten

„Der Dialog ist gescheitert“

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Die Rechte von ausländischen Bürgern in Münster sind Hülya Lehr wichtig, mindestens genauso sehr aber auch die Sorgen und Nöte der Deutschen.

Münster - Fünf Jahre setzte sie sich für die ausländischen Bürger in Münster ein, kämpfte gegen Rassismus und Diskriminierung: Jetzt hat Hülya Lehr ihr Amt im Ausländerbeirat der Gemeinde abgegeben. Von Corinna Hiss 

„Oft sind wir über uns hinausgewachsen“, sagt Hülya Lehr, wenn sie an die vergangenen fünf Jahre zurückdenkt. Seitdem treffen sich fünf Münsterer mindestens vier Mal im Jahr, um sich für diejenigen einzusetzen, die ihre Stimme oft nicht erheben. Hülya Lehr initiierte und gründete Anfang 2010 den Ausländerbeirat der Gemeinde, war dort jahrelang Vorsitzende. Sie selbst bezeichnet sich als Deutsche, kam 1981 aus der Türkei in ihre jetzige Heimat.

Wenn sie an die Situation zurückdenkt, die sie 2010 in Münster vorgefunden hat, erschrickt sie heute noch. „Ausgrenzung, Unterdrückung, Rassismus waren keine Seltenheit“, sagt sie. Besonders prekär: das Breitefeld. Rund 400 Rumänen, Ungarn und Polen lebten dort, abgeschieden vom Rest der Bevölkerung. „Wer kein Deutsch kann, hat überhaupt keine Möglichkeit zu sagen, was ihn bedrückt“, sagt die gelernte Bankkauffrau. Wie wichtig es für die Gemeinde war, einen Ausländerbeirat zu bekommen, zeigen die harten Fakten: Der Ausländeranteil innerhalb der Bürger liegt bei zwölf Prozent. Werden Personen mit deutschem Pass und Migrationshintergrund, wie Lehr eine ist, hinzugerechnet, erhöht sich die Zahl weiter nach oben.

Viel konnten Lehr und ihre Mitstreiter seit 2010 durchsetzen: Deutschkurse wurden angeboten, Aufklärungsarbeit in der Schule geleistet und Fachvorträge zu Themen wie muslimische Bestattung, Rechtsextremismus oder Morde an Frauen organisiert. Besonders froh ist Lehr über einen Coup, der ihr Anfang 2015 gelungen ist: Da konnte sie die Gemeindevertreter davon überzeugen, die Friedhofssatzung zu ändern. Seitdem ist in Münster eine sarglose Bestattung möglich.

Als Frau türkischer Abstammung setzte sich Lehr aber auch stark für Osteuropäer ein. Denn während Menschen aus Syrien oder dem Irak Integrationskurse vom Land bezahlt bekommen, müssen solche aus dem EU-Ausland selbst in die Tasche greifen. Gesetze wie diese sind für die 50-Jährige ebenso kontraproduktiv wie Ghettoisierung. „Wo bleibt der Anreiz, deutsch zu lernen, wenn jeder in meiner direkten Umgebung so spricht wie ich“, fragt sie sich.

Doch auch wenn die Liste auf der Haben-Seite lang ist, gibt es noch genug zu tun. Umso verwunderlicher scheint es da, dass Lehr in Zukunft beim Ausländerbeirat nicht mehr dabei sein wird. „Die Dialoge sind auf Bundes- und Landesebene gestartet, aber in der Kommune gescheitert“, findet Hülya Lehr kritische Worte. Ein großes Problem, das sich immer wieder stellte, waren die finanziellen Mittel. Lehr, die sich politisch in der Gemeindevertretung engagiert, dort nach ihrem Austritt aus der SPD seit September 2014 als fraktionsloses Mitglied agierte und im August 2015 den Grünen beigetreten ist, wollte immer wieder ein klar geregeltes Budget für den Ausländerbeirat durchsetzen – vergebens.

Nicht immer leicht sei seitdem auch die Zusammenarbeit mit Bürgermeister Gerald Frank (SPD) gewesen. Als Münster mehr und mehr Flüchtlinge aufnehmen musste, spitzte sich die Lage weiter zu. „Als Vorsitzende des Ausländerbeirats habe ich erst aus der Presse erfahren, dass Asylbewerber in der Sport- und Kulturhalle Altheim untergebracht werden“, berichtet sie. Als sie bei Frank nachhakte, wieso das so sei, kam ein drei Seiten langes Schreiben voller Vorwürfe zurück. Da war für Lehr klar, dass sie sich zurückziehen möchte. Warme Worte findet die Münsterin hingegen für den ehemaligen Bürgermeister Walter Blank (CDU), der gerade in den Anfängen den Mitgliedern des Ausländerbeirats mit „väterlichem Schutz“ zur Seite stand.

Ihren Abgang kann Hülya Lehr indes mit gutem Gewissen tun. Im Gremium sitzen junge Köpfe mit verschiedenen Nationalitäten, die sich auch in Zukunft für die Belange der ausländischen Bürger einsetzen werden. Lehr selbst möchte sich für alle engagieren, egal ob Deutsche oder Ausländer. „Die Sorgen sind oft die selben und zumeist sozialer Herkunft. Ein großes Problem ist die wachsende Armut, gerade bei jungen Leuten“, weiß sie. Mit ihrer Kandidatur für den Kreistag auf Listenplatz 15 der Grünen hofft sie, noch mehr bewegen zu können.

Quelle: op-online.de

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