Interview mit Peter Panknin vom Verein Arbeitskreis Flüchtlinge

Ämterchaos und Sprachprobleme

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Peter Panknin (65) ist einer von wenigen Männern, die sich im Verein Arbeitskreis Flüchtlinge den Asylbewerbern annehmen.

Münster - Gerade sind die aktuellen Zahlen aus dem Landkreis veröffentlicht worden: Im zweiten Halbjahr werden in der Gemeinde 54 weitere Asylbewerber erwartet. Auch ihnen wird der neu gegründete Verein Arbeitskreis Flüchtlinge Münster helfend zur Seite stehen.

OP-Redakteurin Corinna Hiss sprach mit Vorsitzendem Peter Panknin über die Schwierigkeiten der Neuankömmlinge und über die Aufgaben des Vereins.

Sie waren vorher im Arbeitskreis tätig, jetzt im Verein. Was hat die erste Mitgliederversammlung ergeben?

Es gab bereits einen Satzungsentwurf, der besprochen wurde. Nach kleinen Änderungen in manchen Formulierungen haben wir ihn einstimmig verabschiedet. Außerdem wurde ich zum ersten Vorsitzenden, Jan Stemme zum Stellvertreter gewählt. Rechnerin ist Karin Kreher, Peter Holzer ist Schriftführer. Ludmilla Vasata und Anita Weidauer wurden als Beisitzerinnen gewählt, Renate Heinz und Simone Blickhan als Kassenprüferinnen.

Was ändert sich für Sie und alle anderen engagierten Münsterer, dass sie nicht mehr im Arbeitskreis, sondern im Verein aktiv sind?

An der tatsächlichen Hilfe ändert sich nichts. Es gibt auch welche, die stehen in direktem Kontakt mit den Asylbewerbern und sind nicht in den Verein eingetreten. Der Schritt war aber dennoch notwendig.

Wieso?

Hauptsächlich dafür, dass es für Außenstehende einen konkreten Ansprechpartner gibt. Wie wir dann die Aufgaben verteilen, wird intern geklärt. Auch beim Thema Spenden ist es wichtig zu wissen, wer zuständig ist. Ein Verein mit einem gewählten Vorstand hat feste Strukturen, mit denen Behörden und Institutionen besser umgehen können. Die Sparkasse hat beispielsweise allen Vereinen im Landkreis einen Betrag gestiftet für die Flüchtlingsarbeit. Aber auf wessen Konto sollte das Geld bei einer Initiative überwiesen werden?

Beschreiben Sie doch einmal die Probleme, die sich einem Asylbewerber stellen und wo der Verein helfend zur Seite steht.

Die Eröffnung eines Kontos ist wichtig, um hier richtig anzukommen. Dazu brauchen die Banken aber ein gestempelten Ausweis. In der zentralen Aufnahmestelle in Gießen bekamen die Neuankömmlinge aber nur ein vorläufiges Dokument. Problem dabei: Das Foto war nicht gestempelt und somit leicht zu ersetzen – damit konnte kein Konto eröffnet werden. Mittlerweile hat die Aufnahmestelle entsprechend reagiert, aber bis der letzte Flüchtling einen gestempelten Ausweis hat, dauert es eben.

Wieso ist die Kontoeröffnung elementar?

Wenn Verwaltungsgebühren anstehen, zum Beispiel zur Erstellung des vorläufigen Ausweises, bekommen die Asylbewerber diese erstattet. Das geht aber nicht in bar, sondern wird nur überwiesen – und genau da schließt sich der Kreis wieder, denn in den meisten Fällen haben sie noch gar kein eigenes Konto. Das sind aber die Schwierigkeiten, mit denen Neuankömmlinge zu kämpfen haben. In dem Moment, wo das abgearbeitet ist, reduziert sich der Aufwand für uns um einiges.

Der stetige Gang zu Ämtern ist sicher nicht immer leicht...

Ganz im Gegenteil. Wenn jemand schon längere Zeit hier ist und nach Ablauf von drei Monaten einer Beschäftigung nachgehen kann, wird er ans Jobcenter der Agentur für Arbeit in Darmstadt verwiesen. Dafür gibt es aber wieder Anträge, die zeitgerecht auszufüllen sind. Dort versuchen wir den Flüchtlingen klar zu machen, worum es eigentlich geht. Und wer als Nicht-Betroffener schon einmal einen Antrag für Sozialhilfe gesehen hat, weiß, dass das schon als Deutscher schwer zu verstehen ist. Eigentlich sind für solche Sachen die Sozialarbeiter des Landkreises zuständig, aber so viel Hilfe, wie benötigt wird, können die gar nicht leisten.

Wie sieht es aus, wenn die Asylbewerber einen Arzt aufsuchen müssen?

Auch ein schwieriges Thema. Es gibt zwar vom Landkreis hilfreiche Broschüren, in denen steht, welcher Arzt welche Sprachen spricht. Da sind aber in den seltensten Fällen die Fremdsprachen dabei, die wir brauchen.

Kommunikation ist also das zentrale Problem?

Ja, auf jeden Fall. Es ist nicht selten, dass ein Gespräch über drei oder vier Ecken stattfindet. Der Asylbewerber hat einen Bekannten, der einigermaßen gut deutsch spricht und dann übers Handy verbunden wird.

Sie haben die Schwierigkeiten mit Ämtern und Behörden erwähnt. Sind Sie auch vor Ort in den Wohnungen der Flüchtlinge aktiv?

Die Erstunterkunft in der Gemeinde wird vom Landkreis angemietet, der dafür zuständig ist, sie in einen bewohnbaren Zustand zu bringen. Das heißt: Bett, Tisch, Stuhl, Teller, Besteck – das ist die Grundausstattung. Wer schon einmal Asylbewerber besucht hat, weiß, wie beengt es da zugeht. In Münster gab es den Fall mit elf Personen, sprich drei Familien mit drei Nationalitäten in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Dass das nicht spannungslos abläuft, ist vorprogrammiert. Dort können wir in der Regel wenig tun, da kein Platz mehr für eine gemütliche Sitzecke ist. Wenn deren Status aber anerkannt ist, können sich die Flüchtlinge auf dem freien Wohnungsmarkt eine Bleibe suchen. Und die sind meist unmöbliert. In dem Fall schauen wir als Verein, was dort alles fehlt und fragen gezielt in der Bevölkerung nach Spenden.

Es gibt sicher auch Menschen, die unaufgefordert Dinge geben wollen?

Ja schon, und das ist zwar wirklich gut gemeint, aber nicht immer nützlich. Wir sind Privatleute, keiner von uns kann einen kompletten Wohnzimmerschrank mit zwei Sesseln einlagern. Dasselbe gilt für Kleidung: Jetzt räumen viele ihren Schrank aus und geben uns Winterpullis und dicke Fleecejacken. Doch das brauchen die Flüchtlinge momentan gar nicht, und auf Vorrat kann in den engen Wohnverhältnissen nichts verstaut werden.

Die Vereinsmitglieder engagieren sich ehrenamtlich. Wie viel Zeit pro Woche investieren sie ungefähr?

Die meiste Arbeit stellt sich bei den Neuankömmlingen. Danach brauchen die Menschen primär Zuwendung. Wir versuchen, Kontakt aufzubauen, uns mit ihnen zu unterhalten, sie irgendwie zu integrieren. Ein Beispiel dafür ist das Asylcafé in der evangelischen Kirche in Münster. Man darf aber nie übersehen: Die Menschen, die hier her gekommen sind, haben viel hinter sich. Jeder geht damit unterschiedlich um. Die einen genießen es, versorgt zu werden, die anderen wollen nur ihre Ruhe. Wir können nur anbieten, nicht aufdrängen. Wenn sie Hunger haben, kann ich ihnen etwas zu essen hinstellen, aber essen müssen sie selbst.

Bis jetzt versammelt sich ein kleines Grüppchen. Wie können noch mehr Freiwillige ins Boot geholt werden?

Wir wachsen stetig, aber es braucht Zeit, bis in den Köpfen der Menschen angekommen ist, dass jemand unsere Hilfe braucht. Auf der Mitgliederversammlung waren zum Beispiel drei neue Gesichter, die gleich in den Verein eingetreten sind. Manche melden sich bei uns und sind sofort wieder weg, sobald sie realisieren, worum es wirklich geht. Andere steigen dafür umso intensiver ein. Einige haben Einschränkungen, wenn sie berufstätig sind, aber helfen, soweit sie es können. Mundpropaganda spielt eine große Rolle. Bemerkenswert, aber kein Geheimnis: Die überwiegende Anzahl an Helfern sind Frauen.

Quelle: op-online.de

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