Jesidische Familie berichtet über ihre Flucht

Die große Sehnsucht nach Frieden

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Auf dem Bild links Quasm, der noch keinen Pass hat, den Haetham, Maisyar und Naser fürs Foto gern vorzeigen wollten . Nazo gab sich schüchtern, wollte nicht auf das Bild.

Münster - Täglich kommen neue Flüchtlinge in Deutschland an, aus den unterschiedlichsten Regionen. Besonders diejenigen, die aus den Kriegsgebieten der Welt flohen, haben Ruhe und Frieden nötig. Eine jesidische Familie berichtet von ihrem weiten Weg in sichere Obhut. Von Mayely Müller

Im kühlen Untergeschoss eines großen Hauses wohnt Familie Quoro. Ihr neues Zuhause befindet sich tiefergelegt im Industriegebiet zwischen Münster und Dieburg, außerhalb vom Ortskern. Ihre Wohnung ist kahl, um sie gemütlich und schöner zu machen, fehlt einfach das Geld. Die 27-jährige Nazo, eine hübsche Frau mit herzlichem Lachen, ist verheiratet mit ihrem vier Jahre älterenMann Naser. Zusammen mit Nasers Bruder Haetham wohnen sie in der Kellerwohnung. Ebenfalls anwesend sind zwei weitere Brüder: Maisyar, der eigentlich in Aachen wohnt und der 15-jährige Quasm aus Darmstadt.

Obwohl Quasm sehr jung und erst seit November 2014 in Deutschland ist, fungiert er im Gespräch mit der Familie als Dolmetscher. Sein Deutsch ist für seinen kurzen Aufenthalt ausgesprochen gut. Die Familie kam getrennt nach Deutschland, manche im August, Quasm im November und einige im Dezember letzten Jahres. Auf die Frage ob und was sie an Deutschland mögen, antwortet Naser prompt: „Ja, denn es gibt keinen Krieg hier.“ Die Quoros wohnten vor ihrer Flucht in einem kleinen Dorf im Irak an der Grenze zu Syrien. Sie sind alle Jesiden.

Jesiden sind eine nordkurdisch sprechende, religiöse Minderheit mit ungefähr 100.000 Angehörigen. Verteilt sind sie im Südosten der Türkei, im nördlichen Irak und Syrien. Ihrer Religion zufolge sind sie monotheistisch, sie berufen sich nicht auf eine heilige Schrift. Seit August 2014 werden sie in diesen Gebieten von der Terrorgruppe Islamischer Staat als „Ungläubige“ verfolgt, versklavt und ermordet. „Unsere Flucht war eine Notwendigkeit für das nackte Überleben“, sagen sie.

In ihrem Dorf lernten sich Nazo und Naser 2005 kennen und lieben. Sie kannten sich aus der Nachbarschaft. Naser war 15 Jahre lang Besitzer eines kleinen Supermarkts. „So wie Norma“, erzählt er. Nazo unterstützte ihren Mann, wo sie nur konnte und kümmerte sich um den Haushalt. Wenn Naser auf kurdisch über seine Vergangenheit erzählt, spürt man die Wut, die er dabei als Vertriebener auf den IS und auf den Krieg hat. „Wir hatten Arbeit, Familie und Freunde in unserem Dorf“, übersetzt Quasm. „Der Krieg hat alles zerstört.“

Mit diesem furchtbaren Schicksal kamen sie in Deutschland als Kriegsflüchtlinge an. Inzwischen haben alle einen deutschen Pass außer Quasm, er ist noch Asylbewerber. Einmal in der Woche gehen Nazo und Naser in den Deutschkurs. Durch die Sprachbarriere fällt es ihnen sehr schwer, neue Leute kennenzulernen. „Hier ist nicht Deutschland, hier ist Kurdistan.“, scherzt Naser. Im Nordring sind mehrere Asylbewerber untergebracht, darunter auch einige Kurden.

Auf die Frage, wie ihr Alltag aussieht, fällt immer wieder der Begriff Langeweile. Naser beklagt, dass sie nichts zu tun hätten. Die Quoros wünschen sich, nicht nur einmal in der Woche Deutschunterricht zu haben, sondern so oft wie es geht. Mit bewilligtem Asylantrag besitzen sie auch eine Arbeitserlaubnis. Naser hat deshalb eine genauere Vorstellung von seiner Zukunft: „Ein bis zwei Jahre muss ich vielleicht noch in den Deutschkurs gehen und dann will ich wieder arbeiten.“

Ihm ist klar, dass er erst richtig Deutsch lernen muss, um einen Beruf ausüben zu können. Am liebsten wieder einen kleinen Laden haben, das wäre sein Traum. Die Quoros fühlen sich trotz allem in Deutschland willkommen, hier sei es einfach besser – was auf die Tatsache bezogen ist, dass in Frieden im Land herrscht. Auf die Frage, was sie am Irak vermissen, lachen alle: Das irakische Essen.

Quelle: op-online.de

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