Kerb mit „Quietschboys“ und Umzug

Münster gönnt sich ja sonst nichts

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Er hat die Kerbbobbe im Arm. Doch „Schantalle“ steht ein böses Ende am Dienstagabend bevor.

Münster - Von Freitag bis Dienstagabend ist Ausnahmezustand in Münster: Kirchweih. Die Hauptstraße ist heute noch gesperrt. Elf Kerbburschen und ein immer größer werdender Anhang feiern im Ort. Von Thomas Meier 

Ein halber Hahn mit Malteser – dieser Song, lautstark interpretiert von den Quietschboys aus Frankfurts Stadtteil Sossenheim zum Auftakt am Freitagabend im brechend vollen Zelt auf dem Platz des Friedens sollte zum Motto der laufenden Kerb werden. Oder besser: seine Quintessenz: Man gönnt sich ja sonst nichts. Im Ort, in dem sonst eher die Feste wegbrechen, wächst und gedeiht die urige Kerb der Burschen. Das Fest zur Initiation der 18-Jährigen in die Welt Erwachsener ist dabei nicht unbedingt zu vergleichen mit der sonnstags gleichzeitig stattfindenden Kirchweih der Kolpingfamilie. Gemein haben beide Feten nur eines: Sie werden traditionell begangen am Geburtstag der katholischen Pfarrkirche im Ort.

Es ist die zehnte Kerb in Folge, die seit der bedeutsamen Reanimation der Burschenfeierlichkeit in Münster gefeiert wird. 2006 reaktivierten 16 junge Männer die Tradition, die zu erhalten es allerdings der Mannen des Burschenjahrganges 1980 bedurfte. Rund um Kerbvereinsvorsitzenden Dieter Schneider rekrutierten sich einige Bewahrer des volkstümlichen Weihefestes, fast alle vom Stammtisch der Urbomber. Und seit 1999 hat sich die Kerb auch wieder langsam, aber sicher etabliert im Ort der Doaschde. 2007 wurde der Kerbverein Münster aus der Taufe gehoben, der heute stolze 66 Mitglieder zählt. Einen Tag vor der heurigen Burschenfeier trat erst wieder ein Bürger dem Verein bei, berichtet Schneider, der freilich auf weitere Mitstreiter über das aktuelle Fest hofft.

Schaut man sich den Zuspruch zur Feier an, der lange Zeit der Hauch von Provinz anhaftete, so ist dieses Brauchtum auf dem besten Weg der Genesung in Münster. Was sicher auch an der Herangehensweise der Macher im Hintergrund liegt. Allein die „Quietschboys“ zum Kerbauftakt zu verpflichten, war sicher mehr als nur ein Glücksgriff. Denn die Jungs vom Main, die sich Ende der 80er Jahre zusammenfanden, halten auch auf gute Tradition: auf hessische. Was Hans-Jürgen Denk, Klaus Kaffine, Thomas Schwarzer und Bernd Seibel da für einen Rock-Klamauk vom Bühnenstapel lassen, begeistert nicht nur Münsterer Kerbanhänger. Und so brachten die Musiker auch einige Fans von außerhalb mit an die Gersprenz. Bis in die Nacht rockten sie das Zelt, dass es eine Pracht war.

Ein weiteres Ziel, das der Kerbverein in jüngster Zeit verfolgt, ist, seine Party eine für alle Generationen werden zu lassen. Nicht nur die 18-Jährigen sollen sich und ihresgleichen feiern, sondern alle Jahrgänge mögen daran beteiligt sein, lautet die Devise. Und so gelang es dem Verein in diesem Jahr, noch mehr ältere Jahrgänge als zuvor zur Inthronisation der aktuellen elf Kerbburschen ins Zelt zu holen. Klar, dass der Jahrgang 2015 zu Übergabe der Kerb-Insignien „Schlissel un Siren’“ nicht fehlen durfte. Doch auch zahlreiche Vertreter älterer Burschen-Zeiten waren gekommen, die Übergabe an die zehn Jünglinge um Kerbvadder Paul Jelinek zu verfolgen. Schon lange vor 20 Uhr hatte sich am Samstag das Zelt gefüllt, wobei den zu krönenden Akteuren freilich Standing Ovations rund um die improvisierte Bühne gezollt wurden.

Bilder: Kerb in Münster

Dieter Schneider oblag die Vorstellung der neuen Recken, die ihr Dasein vor allem mit Pils zu krönen suchten. Eine nicht hinwegzudebattierende Kerb-Begleiterscheinung, die jede Brauerei jubeln lassen dürfte. Da wurden Filmchen gedreht, Handyfotos gepostet, Begrüßungsjuchzer ausgestoßen und Spaß gehabt, dass es die reine Kerbfreud war. Gestern sollte nach durchzechter Nacht der nachmittägliche Umzug durch Münsters Straßen und Gassen wieder etwas Frischluft in die Köpfe und Kerbklamotten bringen. Und auch hier zeigte sich, dass das Durchhaltevermögen beharrlichen Kerbvereins sich auszahlt. Widrigem Wetter zum Trotz waren viele Zuschauer gekommen, sich den Umzug der Kerbjahrgänge anzusehen.

Edgar Kreher hatte darauf seinen großen Auftritt, als er den Kerbspruch im Zelt am Dalles verlas. Dieses Amt hat er traditionell inne, weil man seitens der Veranstalter früh kapiert hat, dass es sich feiern lassenden Jungspunden schwer fällt, sinnige Gereimtheiten nach den vorangegangenen Anstrengungen von sich zu geben. Krehers klarer Kopf ist also vonnöten, wenngleich sicher die daraus entsprungenen Gedanken zur Situation Münsters nicht jedem gefallen dürften. Da bekommen es die Rathäusler dicke ab für Umgestaltungsideen, JUZ-Schließung und Rüssel-Blamage. Und weil die Rede so umfangreich ist, wird sie nicht nur heute zur Seniorenkerb nochmals gehalten, sondern auch von uns in Teilbereichen nochmals aufgegriffen werden.

Bilder: Kerbumzug in Münster

Quelle: op-online.de

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