In Kulturhalle brilliert Theatergruppe mit Max Frisch

„Andorra geht jeden etwas an“

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Niklas Kutschera (rechts) spielte in den vermeintlichen Juden Andri in Max Frischs Stück „Andorra“.

Münster - Opportunismus, Narzissmus, Menschenverachtung oder Judenhass – in der Inszenierung von „Andorra“ steigen die Aueschüler hinab in die Untiefen menschlichen Denkens und Handelns. Von Ursula Friedrich 

Jemand: „Es hängt was in der Luft. So eine trockene faulige Stille!“ Im Laufe der Geschichte verdichtet sich die Atmosphäre rasant. Wer „Andorra“ noch aus dem eigenen Schulunterricht kennt, ahnt das dramatische Finale, das die Darsteller des Aue-Theaters ihrem Publikum in der vollbesetzten Kulturhalle nicht vorenthalten. Andri (glänzend gespielt von Niklas Kutschera, zwölf Jahre) wird im beschaulichen Andorra als vermeintlicher Jude diffamiert und hingerichtet. Der Vater (Marek Frank) wählt daraufhin den Freitod, die Halbschwester Barblin (Kim Larsen) verfällt dem Wahnsinn.

In guter Tradition mit vorangegangenen Stücken (unter anderem „Die Welle“ und „Wer bist du?“) hat das Ensemble der Gesamtschule in seiner achten Produktion ein anspruchsvolles, tragisches Stück gewählt. Autor Max Frisch entblößt in „Andorra“, das für die Theaterbühne der Aue-Schüler leicht gestrafft und umgeschrieben wurde, niederste menschliche Charakteristika – die das Ensemble an zwei Theaterabenden meisterlich umsetzte. Der Opportunismus des Wirts (gespielt von Justyna Bar) und des Gesellen (Katharina Wandinger), der Narzissmus des Doktors (Marlene Corcilius), die Menschenverachtung des Soldaten (Leon Schwab), der Judenhass des Tischlers (Lena Till), die Schwäche der Mutter (Michelle Bornhöft) münden in das der griechischen Tragödie ähnelnden Finale.

Inszenierung ist eine Mannschaftsleistung

Die vom Publikum umjubelte Inszenierung ist eine Mannschaftsleistung. Die Jugendlichen unterschiedlicher Schulzweige und Jahrgänge haben die Umsetzung des Frisch´schen Werks gemeinsam erarbeitet. Über Monate. In der heißen Endphase kurz vor der Premiere am Freitag hatten sie bis in die Puppen geprobt.

Ullrich Pietsch gelang es mit seinen Musikern aus Schülerschaft und Kollegium, einen musikalischen Rahmen um die Handlung zu intonieren. Der Cellist, der die Musik selbst komponierte, bescheiden: „Wenn es ans Werfen von faulen Tomaten geht, bitte nur auf den Komponisten zielen, nicht seine tüchtigen Musiker treffen.“

Unter Leitung von Philipp Schumann, Patrik Braun (Technik) und Andreas von der Heyden und der Chefin der Bühnenbild-AG Eva Gfall entwickelte sich aus engagierten Schülern ein Team von Schauspielern, Bühnenbildnern und Theatertechnikern.

In weiteren Rollen spielten Maria Bauer (Judenschauer), Kajin Kurtay und Jennifer Braun (Schwarze Soldaten), Marleen Jöckel (Jemand) und Sophie Schwarz (Senora) sowie Pelin Akkaya (Pater).

Wenngleich Diskriminierung und Judenverfolgung für diese junge Generation eher der Geschichte angehören, sind die Inhalte „Andorras“ aus Sicht von Direktorin Sabine Behling „vor dem Hintergrund des Flüchtlingsdramas, das uns alle angeht und betrifft“ sehr aktuell. „Lernen wir aus dieser Parabel über Vorurteile, Identität und Mitläufertum“, wünscht sich die Schulleiterin für Schauspieler und Publikum.

Quelle: op-online.de

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