Muslimische Bestattungskultur

Mit dem Gesicht gen Mekka

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Erdogan Karakaya referierte in Münsters Rathaus über die muslimische Bestattungskultur.

Münster - Wenn Muslime sich beim Gebet kniend gen Mekka verneigen und der Kopf den Boden berührt, ist dies immer auch ein Zeichen der Verbundenheit mit der Erde - auch eine Erinnerung an den Tod, der eines Tages kommt. Von Michael Just

Wie das Christentum, glaubt auch der Islam, dass der Mensch aus der Erde kommt und sich der Körper mit dieser nach dem Tod wieder verbindet. Ein Ausdruck dafür findet sich in der sarglosen Bestattung, die nun auch in Deutschland zunehmend in der Diskussion ist. Unter dem Titel „Sarglose Bestattungen und muslimische Gräberfelder - Möglichkeiten und Praxis in Hessen“, griff der Ausländerbeirat von Münster, zusammen mit der Landeszentrale für politische Bildung, nun ein weiteres religiöses Thema auf. Für die Info-Veranstaltung konnte man mit Erdogan Karakaya einen Experten von der Initiative „Kabir“ (muslimische Bestattungskultur und Grabfelder in Deutschland) gewinnen. Dazu berichtete Michael Finger, Leiter der Rüsselsheimer Friedhofsverwaltung, wie seine Stadt die Herausforderung löste.

Laut Karakaya ist eine wesentliche Grundlage für das muslimische Bestattungswesen die Änderung der Friedhofsordnung. Sie obliege in Deutschland den Kommunen. Die Änderung beinhalte aber weit mehr als nur die Freigabe, ohne Sarg in den Boden zu kommen: So ist es im Islam Brauch, dass Angehörige das Grab verfüllen oder den Leichnam zum Grab tragen. In den meisten deutschen Friedhofsordnungen, so auch in Münster, sei dafür nur das Friedhofspersonal autorisiert. Ein weiterer Punkt betrifft das Abräumen des Grabes, was meist nach 25 Jahren erfolgt. Denn so etwas kennt der Islam nicht. „Man lässt die Gräber stehen. Sie vergehen mit der Zeit“, führte Karakaya an.

Mögliche Grundwasserverunreinigung

Eine mögliche Grundwasserverunreinigung bei Beerdigungen ohne Sarg sieht der Referent als unbedeutend: Zum einen würden vor der Ausweisung von Friedhöfen geologische Gutachten erstellt, zum anderen könnten eine größere Menge an Leichentüchern die abgegebene Körperflüssigkeit aufsaugen. Derzeit gebe es schon 350 muslimische Gräberfelder in Deutschland. Um diese einzurichten, wäre ein „unberührter“ Bodenreich vorteilhaft. Problematisch zeige sich immer ein Feld, auf dem schon mal beerdigt wurde: „Das geht unter Vorbehalt, wenn die Verwesung komplett abgeschlossen ist“, so der Referent. Die letztendliche Entscheidung liege bei den muslimischen Vertretern von Ort.

Von der Münsterer Politik wird gerade eine neue Friedhofsordnung beraten, die auch muslimische Bestattungen in der Gemeinde zulässt. Wie sich bereits jetzt absehen lässt, reicht eine Änderung der Friedhofssatzung alleine nicht: So bräuchte es auch eine geeignete Fläche, die derzeit auf dem Münsterer Friedhof nicht vorhanden ist. In Rüsselsheim beträgt der muslimische Anteil an der Bevölkerung 20 Prozent, weshalb man sich vor wenigen Jahren zu einem solchen eigenen Gräberfeld entschloss. Laut Michael Finger von der Friedhofsverwaltung ging dafür eine enge Kooperation mit den islamischen Religionsvertretern der Stadt voraus. Sogar mit einem Dummy wurde der Bestattungsablauf im Vorfeld durchgespielt.

Als wichtig erwies sich der Mussala-Stein und damit ein Aufbau, auf dem der Sarg abgestellt wird und von dem der eingewickelte Tote dann ins Grab gehoben wird. In seiner Friedhofsordnung gewährt Rüsselsheim, dass ein Grabfeld nicht zwanghaft abgeräumt wird und stets neu angekauft werden kann. Unerwartete Probleme gab es mit der Berufsgenossenschaft zum Thema „sicheres Arbeiten auf Friedhöfen“. Denn in der Regel steht bei muslimischen Beerdigungen, trotz der Einsturzgefahr, jemand im Grab, um den Leichnam entgegenzunehmen und um Körper oder Kopf gen Mekka zu drehen. Hier zeigten sich versicherungstechnische Vereinbarungen als notwendig.

Bestattung auf Britisch

Bestattung auf Britisch

Trotz dieser Bemühungen zeigt sich die Belegung der Gräber in Rüsselsheim als gering: Gerademal 16 sind belegt, neun weitere reserviert. Laut Karakaya ziehen es gegenwärtig immer noch 90 Prozent der rund fünf Millionen Muslime in Deutschland vor, in der Heimat bestattet zu werden. Viele würden nach dem Tod sofort zum Flughafen gebracht, Fluggesellschaften und Behörden seien darauf vorbereitet. Gründe, lieber in der Heimat bestattet zu werden, beschreibt der Referent damit, dass Beerdigen in Deutschland teuer sei. Selbst mit den Überführungskosten im Flugzeug komme man kostengünstiger weg. Ein weiterer Grund sei die Unwissenheit, dass die letzte Ruhe nach muslimischen Glaubensanforderungen nun auch verstärkt in Deutschland möglich ist.

Karakaya geht davon aus, dass muslimische Bestattungen in Deutschland zunehmen - vor allem bei der Generation, die hier geboren ist. Bei der Frage an ihn, wo er bestattet werden will, braucht er keine Zeit zum Nachdenken: „Ich wohne in Heidelberg und will auch dort begraben werden.“

Quelle: op-online.de

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