Ausstellung der Gruppe für Demenzkranke in Münster

Nicht alles gerät in Vergessenheit

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Vogelhäuschen, Bilder oder Gipsfiguren wie die gelbe Schnecke (links): Die Nachmittagsgruppe des Vereins Spurensuche bastelt immer viel zusammen.

Münster - Erinnerungen aus dem Krieg oder der Grundschule sind noch präsent, dafür wissen sie nicht, welcher Tag heute ist: Der Verein Spurensuche Münster betreut an Demenz erkrankte Senioren. In den Gruppenstunden wird auch gemeinsam gebastelt. Von Corinna Hiss 

Wer montags oder dienstags in die Räume der Christlichen Gemeinde Münster Auf der Beune kommt, erlebt eine muntere Seniorentruppe, die sich bei Kaffee und Kuchen angeregt unterhält. „Sie sehen heute aber schick aus“, sagt eine Seniorin freundlich zu Christine Beuck. Die zweite Vorsitzende des Vereins Spurensuche hat sich für den Fototermin mit der Presse extra in Schale geworfen. Solche Kleinigkeiten fallen auch den Senioren auf. Doch im Unterschied zur Runde bei einem gewöhnlichen Kaffeeklatsch sind diese älteren Menschen nicht gesund. Sie leiden an Demenz, einer Erkrankung des Gehirns, bei der Denkvermögen, Sprache und Motorik nach und nach beeinträchtigt werden.

„Wer nur einmal da ist, merkt gar nicht, dass hier etwas nicht stimmt“, erzählt Beuck. Die 72-Jährige hat früher im ambulanten Pflegedienst gearbeitet und ist Mitbegründerin des Münsterer Vereins Spurensuche, der die Demenzkranken regelmäßig betreut. Dass die Stunden von der Pflegekasse übernommen werden, zeigt, wie wichtig die Arbeit von Beuck, Gruppenleiterin Carmen von der Au und den vielen ehrenamtlichen Helfern ist. Dabei wird individuelle Betreuung groß geschrieben: Auf acht bis zwölf Gäste – wie die Senioren genannt werden – kommen sechs Mitarbeiter. Die gelernte Krankenschwester Carmen von der Au weiß, dass Demenz eine Krankheit mit vielen Gesichtern ist. „Manche sind noch sehr fit, andere haben kaum noch ein Kurzzeitgedächtnis“, erzählt sie. Besonders auffällig wird das bei den regelmäßigen Vorstellungsrunden. Dort kennen die Senioren ihre Sitznachbarn zwar meistens und blicken in vertraute Gesichter, an die Namen können sie sich dann aber nicht erinnern.

Der Verein Spurensuche, der nächstes Jahr zehnjähriges Bestehen feiert, bietet die Gruppentreffen in den Räumen der Christlichen Gemeinde an. Dort ist es auch kein Problem, mit dem Rollstuhl vorzufahren. Momentan sind die meisten in der Gruppe noch relativ gut zu Fuß, doch das kann sich schnell ändern. „Wir haben eine große Fluktuation“, erzählt von der Au. Oft stoßen neue Senioren dazu, bei anderen verschlechtert sich der Zustand, sodass sie nicht mehr kommen. Die meisten werden daheim betreut, sei es von den eigenen Kindern, dem Partner oder einer Pflegekraft. „Für unsere Gäste ist es wichtig, dass sie mal raus kommen“, sagt von der Au. Doch die drei Stunden, in denen gemeinsam Kaffee getrunken, gesungen, erzählt und gespielt wird, wirken sich nicht nur positiv auf die Erkrankten aus: Sie geben auch den Pflegenden, die sonst rund um die Uhr auf Achse sind, einige wenige Stunden für sich selbst.

Pflegekurse erleichtern die Versorgung der Lieben

Neben dem lebhaften Austausch spielt das Basteln bei den Treffen eine große Rolle. So sind im Laufe des Jahres viele kleine Kunstwerke entstanden. Doch die Vogelhäuschen, Bilder, Ketten oder kleine Gipsfiguren sollen nicht nur die heimische Vitrine zieren. Sie werden ab heute im Münsterer Rathausfoyer ausgestellt. Die Idee dazu ist während der „Kunst in Münster“ entstanden, wo der Verein auch mit einem kleinen Stand präsent war. „Mit der Ausstellung wollen wir auf unseren Verein aufmerksam machen und zeigen, was wir das Jahr über gemacht haben“, sagt Beuck. Sie sorgt während der Gruppenstunden auch für musikalische Unterhaltung. Besonders beliebt sind dabei alte Volkslieder, die die Senioren noch aus ihrer Schulzeit kennen. „Daran können sie sich erinnern“, sagt Beuck schmunzelnd. Auch die Erlebnisse während des Kriegs sind meist noch präsent – der Name des Gegenübers oder welcher Tag heute ist hingegen nicht. Carmen von der Au, Christine Beuck und alle weiteren Mitarbeiter des Vereins Spurensuche kümmern sich liebevoll um ihre Gäste. „Die Senioren sind herzlich und warm. Sie haben viel zu erzählen und wissen so einiges“, schwärmt von der Au.

Quelle: op-online.de

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