Interview mit Meike Mittmeyer-Riehl aus Münster

„Okay, das war’s. Jetzt sterbe ich“

Münster - Jung, schlank, sportlich und Nichtraucherin – trotzdem traf Meike Mittmeyer-Riehl aus Münster buchstäblich der Schlag: 2012 bricht sie nach dem Tennisspielen mit einer halbseitigen Lähmung zusammen, erleidet mit nur 24 Jahren einen Schlaganfall. Von Katrin Muhl 

Dank einer reibungslosen Rettungskette trägt die heute 29-Jährige keine bleibenden Schäden davon. Einzig der Verarbeitungsprozess dauert noch an. Teil dessen ist das Buch „Der Spalt“, in dem Mittmeyer-Riehl ihren Krankheitsverlauf mit allen Höhen und Tiefen beschreibt und mithilfe von Experten der drängenden Frage nach dem „Warum“ nachgeht.

Frau Mittmeyer-Riehl, wie fühlt es sich an, wenn man weiß, dass man gleich sterben muss? Denn davon waren Sie überzeugt als sie nach dem Tennis zusammengeklappt sind.

Das war ein ganz komisches Gefühl, eigentlich ein Gefühl von Ruhe, muss ich sagen. Eigentlich müsste man meinen, man wird total panisch und denkt sich: Ich will noch nicht sterben, ich will noch so viel erleben! Aber irgendwie habe ich in diesem Moment ganz ruhig den Gedanken gefasst: Okay, das war’s. Jetzt sterbe ich.

Die Ursache war ein Schlaganfall. Doch Sie sind jung, schlank, sportlich und Nichtraucherin. Trotzdem traf Sie mit 24 Jahren „der Schlag“. Wie konnte das passieren?

Einfach so, könnte man sagen. Man sieht ja, ich bin ein schlanker, sportlicher Typ. Ich habe keinen Bluthochdruck, keine erhöhten Cholesterinwerte oder so, was ja Risikofaktoren sind für einen Schlaganfall, nö. Ich habe Tennis gespielt mit meinem damaligen Freund – inzwischen Mann – als es mir ein bisschen schwummrig wurde. Ich hatte leichte Kopfschmerzen, ein leichtes Stechen im Hals, hab gedacht, ich kriege eine Erkältung. Man denkt sich ja erstmal nichts Wildes.

Was ist dann passiert?

Die Symptome wurden heftiger. Ich hatte ganz große Schwierigkeiten, einen Satz zu sprechen, musste mich darauf richtig konzentrieren. Das war merkwürdig. Was ist denn da los?, habe ich mich gefragt. Und dann bin ich nach dem Duschen umgekippt, weil ich komplett halbseitig gelähmt war. Zum Glück bin ich meinem Freund in die Arme gefallen.

Wissen Sie mittlerweile, was bei Ihnen zum Schlaganfall geführt hat?

Eine sehr seltene Ursache, eine sogenannte spontane Dissektion. Vereinfacht gesagt: Eine Halsschlagader spaltet sich auf. Deswegen heißt das Buch „Der Spalt“. Dadurch strömt Blut in das Gefäß und verstopft es, so dass kein Blut mehr vorbeifließen kann. Das ist passiert, eine relativ seltene Schlaganfallursache, auch eine ziemlich unbekannte. Vielen Ärzten sagt das überhaupt nichts. Mein Hausarzt hat mich angeguckt, als käme ich vom Mars, als ich das erste Mal nach der Klinik bei ihm war. Leider ist die spontane Dissektion gerade bei jüngeren Patienten unter 50 die zweithäufigste Ursache.

Konnten Ihnen die Ärzte etwas zu den auslösenden Faktoren einer spontanen Dissektion sagen?

Nicht richtig, nein. Ich habe mich dann selbst auf die Suche begeben, davon handelt ja auch größtenteils mein Buch. Ich habe mit Experten gesprochen, mit Genetikern. Es gibt ganz viele Forschungsansätze, die auf eine genetische Ursache hindeuten. Manche vermuten, es ist eine Art von Bindegewebserkrankung. Aber bei mir wurde eine solche Krankheit nie festgestellt. Es ist wirklich so, dass mir die Ärzte sagen: Wir wissen’s leider nicht genau. Wir wissen nicht ob’s wieder passieren wird. Es kann sein, dass Sie nie wieder irgendwas davon merken, aber es kann auch sein, dass es wieder passiert.

Wie lebt es sich mit dieser Ungewissheit?

Na, sehr unbefriedigend. Diese Ungewissheit nagt an einem, man will’s einfach genauer wissen und vor allem: Kann ich mir jetzt sicher sein, dass es nicht noch einmal passiert? Nachdem ich bei vielen Experten war und mir gedacht habe, jetzt ist gut, du findest einfach keine Antworten, jetzt musst du mal einen Schlussstrich ziehen, versucht vieles zu verdrängen. Ich habe mir gesagt: Komm, du lebst ja noch, mach weiter wie bisher.

Und, waren Sie damit erfolgreich?

Nein, ich habe gemerkt, das mit dem Verdrängen, das geht auf Dauer nicht gut. Diese ständige Ungewissheit hat mich dann leider psychisch eingeholt. Man wird einfach verrückt, im wahrsten Sinne des Wortes.

Davon schreiben Sie in Kapitel zwölf ihres Buches, das eigentlich mit Kapitel elf enden sollte.

Ja, ich hatte natürlich vorgehabt, das Buch irgendwie enden zu lassen nach dem Motto: Naja gut, da war ich mal schwer krank, aber ich hab’s geschafft, habe mich wieder aufgerafft und jetzt kann mich nichts mehr unterkriegen. Aber dann hat mich das Ganze psychisch eingeholt. Angst- und Panikattacken, damit ging’s los, dann depressive Symptome, das volle Programm. Ich hatte Schwindel, war sofort bei sämtlichen Ärzten, denn auch das kann ein Schlaganfall-Symptom sein. Körperlich war aber alles in Ordnung, der Schwindel psychisch bedingt. Ich bin aus dem Gleichgewicht geraten, im wahrsten Sinne des Wortes.

Jetzt sind Sie wieder im Gleichgewicht?

Relativ. Es ist immer noch eine schwierige Situation weil ich ja immer noch keine Antworten gefunden habe. Warum passiert das? Warum mir als gesundem, jungen Mensch? Ich glaube, diese Frage wird mich wohl noch mein Leben lang umtreiben. Ich muss lernen, damit umzugehen. Das habe ich jetzt auch, mit Psychotherapie. Ich bin auf dem richtigen Weg, aber ganz fit auch noch nicht. Ich hoffe, dass mir das Buch auch ein bisschen bei der Aufarbeitung hilft. Darin habe ich mir ja alles von der Seele geschrieben.

Während dieser schwierigen Zeit haben Sie sich gefragt, was für Sie wirklich wichtig ist und was Sie wirklich wollen. Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?

Ich habe gemerkt, dass man sich im Alltag über viel zu viele Kleinigkeiten aufregt, die eigentlich unwichtig sind. Zwar merke ich, dass ich’s nach wie vor tue. Aber ich versuche mir dann zu sagen: Jetzt komm, reg dich nicht so auf, du hast schon viel Schlimmeres erlebt! Das Leben kann wirklich von heute auf morgen vorbei sein. Ich schätze deshalb die täglichen schönen, kleinen Dinge. Dass ich meine Katze habe. Dass ich meinen Mann habe, der mich liebt. Dass ich noch reisen kann – ich habe ja, Gott sei Dank, keine Einschränkung zurückbehalten, keine bleibende Lähmung.

Das ist nicht selbstverständlich.

Überhaupt nicht. Also ich hatte wirklich das Glück, dass ich schnell genug in die Stroke Unit gekommen bin, wo ich sofort blutverdünnende Medikamente bekommen habe, die die Verstopfung im Gefäß aufgelöst haben. Es ist aber nicht gesagt, dass das immer so reibungslos funktioniert. Dann hätte ich vielleicht irgendwelche Behinderungen davongetragen oder hätte es gar nicht geschafft. Wenn man sich das klar macht, kommen einem viele Ärgernisse des Alltags gar nicht mehr so groß vor.

Sie träumen von einer Weltreise und von einem Flug ins All. Haben Sie schon konkrete Pläne?

Ja, die Weltreise, denke ich, wird noch vor dem Flug ins All stattfinden, die ist leichter zu finanzieren. Ich reise total gerne. In meinem Buch habe ich auch ein paar Reiseerlebnisse geschildert- Durch den Schlaganfall ist dieser Drang noch stärker geworden. Ich will am liebsten die ganze Welt sehen. Träume, die man hat, verschiebt man viel zu oft, sagt, das kann ich irgendwann mal machen. Man muss sich aber einfach mal bewusst machen: Auch wenn man jung und gesund ist, kann plötzlich einfach alles vorbei sein! ‘

Quelle: op-online.de

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