„Plan B“ greift dank Helfern

Sport- und Kulturhalle umfunktioniert als Obdach für Flüchtlinge

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Ruhig und eher schweigsam nahmen die 39 Flüchtlinge ihre neue Herberge in Altheim auf hoffentlich kurze Zeit in Beschlag.

Altheim - Erst überschlagen sich die Ereignisse, setzen eine große Aktions-Maschinerie in Gang, mobilisieren ungeahnte Kräfte in der Gemeindeverwaltung, im Asyl-Helferkreis, in den Kirchengemeinden. Von Thomas Meier

Und nach einem eilends abgespulten Arbeitseinsatz ist dann erst einmal Ruhe angesagt in dem von einer Sport- und Kulturhalle umfunktionierten Obdach für erwartete 50 Flüchtlinge. Sie kommen nicht mittags, wie angekündigt. Auch nicht am frühen oder späteren Nachmittag. Erst zum Abendessen erreicht der Omnibus aus dem hessischen Erstaufnahmelager Gießen Altheim. Heraus schauen erschöpfte, neugierige aber zumeist apathisch schauende Menschen. Sie kommen aus vieler Schreckensherrschaft-Länder.

Doch zurück: Am Dienstagabend erreichen bereits 17 Asylbewerber Münster, die der Gemeinde vom Kreis weitergereicht werden. Die Kommune weiß seit Langem von ihrer Unterkunft-Stellpflicht, reagierte relativ spät, war im Frühjahr gebeutelt davon, dass eine schon sicher geglaubte Unterbringungsmöglichkeit in der Darmstädter Straße platzte. Der Inhaber einer Immobilie hatte hoch gepokert, die Gemeinde nicht oder zu spät zugreifen wollen – egal. Dann eilends den Plan gefasst, in der Goebelstraße mit Containern eine schnelle Lösung zu bekommen. Geplatzt. Und die Massivbauweise dort kommt auch nicht voran – wie berichtet. Also wird wieder einmal improvisiert. Dank eines laut Bürgermeister Gerald Frank „vorbereiteten Plans B“ klappt dies auch.

Reiner Bader, Tania Appel und Sophie Ortmann richten für die späten Neuankömmlinge das von der Kirche gestiftete Abendessen.

Mittwochnachmittag erfährt die Verwaltung, dass weitere 50 Flüchtlinge am Donnerstag unterzubringen seien. „Plan B, Teil II“ muss hervorgezaubert werden. Gut, dass es in Altheim nicht nur eine Sport- und Kulturhalle gibt, sondern diese auch erst kürzlich einen Check auf Tauglichkeit erfuhr. Heizung und Sanitär gut, alles ist unterkunftstauglich. Nicht so gut ist, dass erst am Mittwochabend die vielen Münsterer und Altheimer Nutzer der Halle unterrichtet werden können. Nichts geht mehr an Schul- oder Vereinssport in absehbarer Zeit. Keine Gesangsproben mehr, keine Geflügelschauen. Wahrscheinlich auch keine Fastnacht, denn die „ungewisse Übergangszeit“ kann dauern. Vor Ende März ist der Flüchtlings-Neubau nicht fertig.

Mittwochmorgen dann das große Räumen. Tania Appel vom Liegenschaftsamt der Gemeinde und ihren beiden Mitarbeitern Reiner Bader und Sophie Ortmann obliegt das Krisenmanagement. Ihnen zur Seite stehen die Mannen des Bauhofs, Feuerwehrleute und freilich der Verein und Helferkreis Asyl. Gemeindevorstand Jan Stemme, er ist auch Vorstand im Verein Asyl, und Peter Panknin, Vorsitzender bei Asyl, erweisen sich ebenfalls als Organisationstalente.

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Zunächst kommen die Handwerker in die Halle. Ein Fußbodenverleger verlässt seine Baustelle, um über den Hallenboden mit Mitarbeitern schnell einen neuen Linoleumbelag zu verlegen als Schutz für den alten Schwingboden. Außerdem sieht es etwas netter aus. Elektriker verlegen einige zusätzliche Steckdosen in der großen Halle. Schließlich weiß man um die Bedeutung für Handy-Wiederaufladegeräte.

Vom Kreis kommen Kleinlaster. Sie bringen 50 Betten der Marke „Ragley Lounger und Camp“. Die „Bed in blue“ versprechen „Extra Comfort“ und sehen wirklich bequemer aus als die 0815-Feldbetten vom Bund. Zwei Meter lang, 76 Zentimeter breit und in 25 Zentimetern überm Hallenboden Liegefläche bietend, sollen sie von den Bauhofleuten aufgeschlagen werden. Angemietete Bauzaunelemente, behängt mit Stoffplanen, sollen helfen, die Halle ein wenig zu unterteilen. Sechs halbwegs abgeteilte Bereiche entstehen jeweils für sechs Pritschen. Die Junggesellen müssen sich den Rest der Liegen inmitten der Halle teilen.

Schilder werden an der Sprossenwand angeklebt. Doch dass es aus Sicherheitsgründen zwingend untersagt werden muss, die Sprossenwand zu erklimmen, dürfte ebenso wenig die Adressaten erreichen wie ihnen der Absender etwas sagt. Vor allem wenn auf deutsch dort in Blockbuchstaben steht: DER GEMEINDEVORSTAND DER GEMEINDE MÜNSTER. Bader hat ein Einsehen mit dem Einwand eines Journalisten. Er greift zum Paketband und klebt ein großes Kreuz übers Gehölz.

Am frühen Nachmittag kommen die ersten Altheimer vorbei, bieten Hilfe und Essen an. Die Kirche sicherte bereits zu, sich ums Abendessen zu kümmern. Peter Panknin und Jan Stemme sind in Münster an zwei Adressen zugleich zu Gange. Auch hier sind weitere Flüchtlinge unterzubringen, eine siebenköpfige syrische Familie wurde „zwischengeschoben“. „Ein Glück, dass von unseren Flüchtlingen, die schon länger hier sind, sich einige bereit erklärten, als Dolmetscher zu helfen“, sagt Panknin. Sie sprechen Englisch und einige arabische Dialekte. Auch für Eritreer gibt es Sprachkundige.

Flüchtlingsunterkunft in Sport- und Kulturhalle Altheim: Bilder

Als in der Halle eine Helferin bemerkt, dass wohl die Bettwäsche, geliefert in Plastiksäcken, nicht für 50 Bettstätte ausreichen wird, hört dies auch das Altheimer Begrüßungskomitee – bestehend aus drei bis vier Familien mit Kindern. Kurze Zeit später erscheint eine herbeitelefonierte Bürgerin mit einem Dutzend Wolldecken unterm Arm.

Eine Organisatorin des Kreises kommt, schaut und wird ebenfalls aktiv. Sie versteht ihr Beherbergungs-Handwerk und ruft Kreishelfer an. Sie werden zu einem großen Möbelmarkt bei Weiterstadt dirigiert. Dort im dem Zentralklager liegt auch noch genügend Bettzeug.

Dann endlich: Die lange erwarteten Gäste treffen ein. Kinder halten ihr Willkommen-Schild hoch, Eltern klatschen, als kämen Sportler einmarschiert. Doch von draußen kommt ein sichtlich erschöpfter Tross an Menschen, ihr weniges Hab und Gut in Koffern oder festen Tüten bei sich. In der Halle sondieren die ersten, ein halbes Dutzend junger Männer, die Lage. Einige Rufe, dann machen sie sich auch schon daran, die Betten vor den per Bauzaun-Sichtschutz abgeteilten Sechs-Personen-Bereichen umzugruppieren.

Einmal durchgezählt, sind es „nur“ 39, die aus dem Bus gestiegen sind. „So ist das eben manchmal“, wissen die Asylhelfer. Die Kreisbedienstete atmet auf: Alles friedlich, kein Murren wegen der Unterbringung in der Halle. Andernorts gab es da schon lautstarke Proteste.

Quelle: op-online.de

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