Renaturierung an der Semme

Ungestörte zwischen Bahn und B26

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Mathias Kisling führte die 30 Interessierten im zweiten Teil der Informationsveranstaltung direkt ans Ufer der Semme.

Münster - Bei einer Bürgerinformation in der Semder Aue informierten der Naturschutzbund und die Gemeinde über das Projekt. Die Grundstücksankäufe sind bereits auf gutem Weg. Flutmulden sollen 2017 kommen. Von Jens Dörr 

Die Münsterer Gruppe des Naturschutzbunds (Nabu) lässt in ihrem Einsatz für die heimische Flora und Fauna auch als aktueller Träger des Umweltschutzpreises des Landkreises Darmstadt-Dieburg (wir berichteten) nicht nach. An den Erhalt der mit 2 000 Euro dotierten Auszeichnung erinnerte auch Bürgermeister Gerald Frank kurz, ehe er das Wort an Mathias Kisling, zweiter Vorsitzender des NABU Münster, weitergab.

Kisling leitete rasch zum aktuellen Anlass der Zusammenkunft über: Die Naturschützer wollen das Flüsschen Semme auf einem 620 Meter langen Abschnitt in den Hergershäuser Wiesen renaturieren. 30 Interessierte folgten fortan Kislings Ausführungen nahe dem Altheimer Bahnhof und im weiteren Verlauf auch bei einem Spaziergang ans Ufer des Fließgewässers. Organisiert hatten die Informationsveranstaltung NABU und Gemeinde zusammen.

In Münsters Rathaus finden die Naturschützer Unterstützung für ihr Vorhaben, sich um den nahe des Otzbergs entspringenden und 23 Kilometer nordöstlich bei Hergershausen in die Gersprenz mündenden Fluss zu kümmern. Bislang durchfließt die Semme die Hergershäuser Wiesen schnurgerade. Dies könnte sich zugunsten einer natürlicheren „Schlängelung“ durch Maßnahmen des Wasserverbands Gersprenzgebiet ändern. Vor allem aber plant der NABU selbst, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich die Uferlandschaft der Semme nach beiden Seiten hin ausdehnen kann: Bislang ragt Ufergehölz auf beiden Seiten meist nur zwei, drei Meter in die angrenzenden Grundstücke hinein. Dies soll nach dem Plan des Nabu deutlich erweitert werden.

Dafür sind seitens der Naturschützer und der Gemeinde insbesondere drei Schritte zu gehen. Einerseits ist es wichtig, dass die Grundstücksstreifen nahe der beiden Ufer nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden. Dies ist in dem mehr als zehn Hektar großen Gebiet über die vergangenen Jahre hinweg bereits so gekommen. Kisling zufolge sei eine Wiederaufnahme nennenswerter landwirtschaftlicher Tätigkeiten auf dem Areal zwischen Bahnlinie und B26 für die Zukunft auch kaum mehr zu erwarten. Unattraktiv sei die Bewirtschaftung etwa deshalb, weil es sich um Überschwemmungsgebiet handele. „Bei einem hundertjährigen Hochwasser wäre das Gebiet komplett überflutet.“ Die letzte Teilüberflutung machte sich auf dem lehmigen Boden auch bei der Ortsbegehung am Samstag noch bemerkbar. Nach einer regenreichen Phase wie der kürzlich erlebten brauche der Boden zwei, drei Wochen, um abzutrocknen.

Neben der Vermeidung von landwirtschaftlichen Aktivitäten im Auegebiet der Semme komme es nun vor allem darauf an, die entsprechenden Streifen der vorhandenen Grundstücke für die Renaturierung des Gewässers zu erwerben, erläuterten Kisling und Frank. „Es wird kein Bauland werden“, schickte Kisling voran, was offenbar auch die Grundbesitzer erwarten. Die Gespräche über den Ver- und Ankauf von Land liefen gut, mehr als zwei Euro pro Quadratmeter seien kaum zu zahlen. Da die Quadratmeterzahl überschaubar bleibe, rechneten Gemeinde und NABU mit nicht allzu „ausufernden“ Kosten, um auch sprachlich nah am Thema zu bleiben.

Kisling äußerte seine Hoffnung, die Grundstücksgeschäfte noch in diesem Jahr abzuschließen. 2017 könnte dann die eigentliche Arbeit beginnen: An den beiden Ufern der Semme sollen Flutmulden ausgehoben werden, in denen Schilfräume entstehen würden. Auch das Gehölz am Ufer könnte sich nach beiden Seiten hin erweitern. Vogelarten wie Rohrammer, Schilfrohrsänger oder Kiebitz fänden im EU-Vogelschutzgebiet zusätzlichen Lebensraum.

Dass der Ort zwischen der lärmenden Bahnlinie und der ebenfalls lärmenden B26 geeignet ist, mag man zunächst kaum glauben. Es entbehrte auch einer gewissen Situationskomik nicht, als Kisling seine Erläuterungen unterbrechen musste, weil ein Güterzug an der Gruppe vorbeidonnerte und jeden verbalen Austausch unmöglich machte. Für die Tierwelt an der Semme seien Bahn und Bundesstraße aber weit genug entfernt. Der größte Vorteil: Zur Semme führt kein offizieller Weg, so dass sich Menschen nur selten ans Flüsschen verlieren.

Quelle: op-online.de

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