Urteil im Prozess um Baumarkt-Überfall gefallen:

„Schädliche Neigungen“: Zukunft verspielt für wenig Kohle

Groß-Umstadt/Münster - Sein Alter kam ihm am Ende noch zugute: Der 21-jährige Münsterer, der beim nächtlichen Überfall auf einen Baumarkt in Groß-Umstadt den Marktleiter brutal zusammenschlug, wurde gestern zu einer Haftstrafe verurteilt.

Seine Mittäter landen ebenfalls im Gefängnis. Viel wäre sowieso nicht rumgekommen für zwei junge Männer: Sie wurden jetzt von der großen Jugendkammer am Darmstädter Landgericht als Drahtzieher eines schweren Raubüberfalls auf den Hellweg-Baumarkt in Groß-Umstadt Ende vergangenen Jahres zu Freiheitsstrafen von drei Jahren und neun Monaten beziehungsweise vier Jahren und drei Monaten verurteilt. Ihre ausführenden Mittäter, darunter ein Münsterer, erhielten fünf beziehungsweise sechs Jahre. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der ehemalige Student der Betriebswirtschaft, bis zu seiner Verhaftung wohnhaft im Groß-Umstädter Stadtteil Semd, und sein im Baumarkt beschäftigter 22-jähriger Kumpan aus Umstadt schmiedeten schon 2013 erste Pläne, ans große Geld zu kommen. Das sei anlässlich von Aktionstagen immer mal wieder im Baumarkt vorhanden und sollte mit internem Überblick über die Sicherheits-Vorkehrungen auch leicht zu erbeuten sein.

Bald kam ein dritter Mitwisser aus Groß-Zimmern hinzu. Ein erster Versuch der drei, die Idee in die Tat umzusetzen, lief jedoch mangels Traute ins Leere. Also wurden ein zwischenzeitlich mal in Münster, später dann wieder in Bremen ansässiger, als einschlägig erfahren geltender junger Mann und ein bis heute flüchtiger Kumpan hinzugezogen, die dann nach einem entsprechenden Tipp des Baumarkt-Mitarbeiters die Tat am 14. November unter Anwendung ungewöhnlich heftiger Gewalt ausführten. Dabei erbeuteten sie 35.000 statt der erwarteten 120.000 Euro.

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Mosaiksteinartig setzte Richter Jens Aßling in seiner Urteilsbegründung gestern den Tathergang zusammen, wobei er sich auf Geständnisse der vier Angeklagten stützen konnte, die allerdings immer wieder zu detaillierten Schilderungen aufgefordert werden mussten und ihren jeweiligen Anteil am Geschehenen klein zu reden versuchten. Das sei zwar legitim, merkte der Richter an, es hätte den Nebenklägerinnen aber gut getan, wenn offener gesprochen worden wäre. Er erwähnte aber auch einen Täter-Opfer-Ausgleich, in dem alle vier Angeklagten bereits Geld gezahlt beziehungsweise Zahlungen angeboten hätten. Die beiden Nebenklägerinnen waren als Angestellte des Baumarkts vom nächtlichen Überfall am Hintereingang ebenso betroffen wie der Marktleiter, der von dem Münsterer zu Boden geworfen, mit Schlägen und Tritten traktiert wurde, Platzwunden erlitt und zwei Zähne verlor. Geistesgegenwärtig habe eine der Nebenklägerinnen Schlimmeres verhindert, indem sie die beiden Ganoven in den Markt ließ und ihnen Kasse und Tresor öffnete, so der Richter.

Angesichts der weit über den Zweck hinausreichenden Gewalt attestierte Aßling diesem jetzt 21-jährigen Angeklagten „schädliche Neigungen“, andererseits komme für ihn gerade noch Jugendstrafrecht an Betracht. Da die Tat in der Bewährungszeit für eine einschlägige Vorstrafe verübt worden sei, werde eine Gesamtjugendstrafe von fünf Jahren gebildet. Eine Verurteilung nach Erwachsenenrecht zu sieben Jahren und sechs Monaten hatte die Staatsanwaltschaft gefordert. Sechs Jahre erhielt der 23-jährige Mann aus Groß-Zimmern auch angesichts seiner einschlägigen Vorstrafen, für die ebenfalls noch die Bewährung lief.

Dass die beiden Drahtzieher etwas günstiger weggekommen sind, liegt nicht etwa an einer geringeren Tatbeteiligung. Aßling stufte sie ganz klar als Mittäter ein, billigte ihnen allerdings wegen ihrer Geständigkeit schon in den polizeilichen Vernehmungen einen „Kronzeugenstatus“ zu – anders als die Staatsanwaltschaft, die für den Baumarkt-Mitarbeiter fünf Jahre und neun Monate gefordert hatte. Für dessen Kumpan aus Semd hatte die Verteidigung übrigens ein Strafmaß im Bereich einer Bewährungsstrafe, also bis maximal zwei Jahre, vorgeschlagen. Besonders für diese beiden bisher nicht vorbestraften Männer galt die Feststellung des Richters, man habe für ein paar Kröten die Zukunft aufs Spiel gesetzt. Wie sich im Lauf des Verfahrens herausstellte, hätten sie sich nämlich mit jeweils nur 1 000 Euro aus der Beute abgefunden.

sr

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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