Zugabe für den kleinen Kaktus

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Zum Abschluss des diesjährigen Kulturprogramms der Gemeinde Münster traten die Schellack-Solisten auf.

Münster - Heutzutage würden sich viele Frauen energisch verbitten, mit „Fräulein“ angesprochen zu werden. Von Michael Just 

Bei Denis Wittberg ist das anders: Als er mit dieser veralteten Anrede Clara Holzapfel gegenübertritt, erhält er von der Geigerin, die in ihrer roten Abendrobe bezaubert, ein wohlwollendes Lächeln zurück - und kurz darauf sogar einen kleinen Tanz geschenkt. Denis Wittberg darf das mit dem „Fräulein“, denn der Mainzer bringt mit seinen Schellack-Solisten die Musik der 20er und 30er Jahre auf die Bühne. Nun war er zum Abschluss des aktuellen Kulturprogramms der Gemeinde in der Kulturhalle zu Gast. Einen ganzen Abend lang stand die gute, alte Schellack-Zeit auf dem Programm, als aus dem Grammophon-Trichter etwa die Comedian Harmonists erklangen.

Der Einstieg des zehnköpfigen Orchesters wartete mit einer Überraschung auf: Zu Beginn erklang der Hit der Spider Murphy Gang „Skandal im Sperrbezirk“ aus dem Jahre 1981. Allerdings bekam der einen anderen Takt und mit den Blasinstrumenten den melodischem Anstrich der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Ergebnis war ein unbekanntes wie faszinierendes Klangerlebnis. Ganz höflich wurden dabei die Vertreterinnen des Gewerbes, die sich im Liedtext bekanntermaßen die Füße platt stehen, in „Damen“ umbenannt.

Im Verlauf des Abends folgten die großen Klassiker der Schellack-Ära wie „Unter einem Regenschirm am Abend“, „Ich fahr mit meiner Klara in die Sahara“ oder „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt“. Den kleinen, grünen Kaktus hielt man bis zur Zugabe zurück. Wie der Song der Spider Murphy Gang gehört der Deutsche-Welle-Erfolg „Sternenhimmel“ von Hubert Kah eigentlich in eine andere Epoche. Auch ihm verpassten die Schellack-Solisten eine wunderbare Transformation und Neuvertonung.

Denis Wittberg trat als nonchalanter Moderator und Sänger mit kreisförmiger Umrandung seines Mikrofons auf. Dass er dabei kerzengerade, quasi mit einem Besen im Rücken, stand, gehörte zur perfekt inszenierten Nostalgie. Sein Frack und die Pomade im Haar verstanden sich von selbst, genauso wie das rollende „r“ in seiner Aussprache. Als Vokal-Artist näherte er sich Max Raabe und dessen Palast Orchester ziemlich weit an.

Rund 120 Besucher kamen in die Kulturhalle und schufen damit einen zufrieden-stellenden Zuspruch. Durch die Klasse der Musiker hätte die Resonanz eigentlich mindestens doppelt so hoch ausfallen müssen. Die Reise in die musikalische Vergangenheit zeigte sich optisch wie akustisch als Erlebnis, das in Münster nicht alle Tage geboten wird. Mit ihren Dämpfern schufen die Blechbläser weiche Töne, der Schlagzeuger wischte sanft mit einem Schlagbesen über sein Arbeitsgerät. Stets einfühlsam rangierte die Musik zwischen romantisch bis flott und versprühte reichlich Lebenslust - und das vor allem auf die Liebe. Das nostalgische Ambiente schuf zudem einen perfekten Brückenschlag zur bevorstehenden Weihnachtszeit.

Zum langsamen Foxtrott oder zur Rumba passte es hervorragend, dass Wittberg immer wieder den Kuss als die „charmanteste Erfindung des Menschen“ in den Mittelpunkt stellte. „Er ist jederzeit verfügbar, kann Frage- oder Ausrufezeichen sein“, sagte er. Der Mann mit dem Frack forderte dazu auf, ihn wieder mal auszuprobieren - zur Not auch an der eigenen Gattin.

Quelle: op-online.de

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