Gespräch mit Geschäftsführer Hubert Keiber

Die Zukunft der „Gersprenz“

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„Gersprenz“-Geschäftsführer Hubert Keiber.

Darmstadt-Dieburg/Münster - Die Ampelkoalition im Landkreis steht, und grundsätzlich ist das „Gesundheitspapier“ von Landrat Klaus Peter Schellhaas Teil des Koalitionsvertrags, auch wenn die FDP der Vision eines großen Gesundheitskonzerns ein „privat vor Staat“ als Präambel vorangestellt hat. Von Klaus Holdefehr 

Ein ganzes Kapitel des Papiers ist der Zukunft der „Gersprenz“ gewidmet, dem öffentlich-rechtlichen Dienstleister in der Seniorenpflege des Ostkreises. Im Gespräch mit der Presse erklärt „Gersprenz“-Geschäftsführer Hubert Keiber, warum er die Integration in diesen Konzern für einen tragfähigen Weg hält. Für die Zukunft des Dienstleistungsunternehmens, dessen Gesellschafteranteile gänzlich von einem „Senio“ benannten Zweckverband aus acht Kommunen und dem Landkreis gehalten werden, gilt aus Keibers Sicht der Grundsatz: „Die Gersprenz ist zu klein, um langfristig eigenständig überleben zu können.“ Der Geschäftsführer nennt Zahlen: „Rund 250 Pflegeplätze, ein kleines Angebot des betreuten Wohnens, in zwei Häusern Tagespflege, 250 Beschäftigte, umgerechnet etwa 125 Vollzeitstellen.“ Man bräuchte ungefähr die doppelte Größe, um wirtschaftlicher arbeiten zu können. „Die Idee des Kleeblatts“ – also einer Zentrale mit vielen Ablegern und starken Synergie-Effekten – „ist ja nur rudimentär umgesetzt worden. Jetzt haben wir vier Häuser, vier Leitungen. Wir bräuchten 500 bis 600 Pflegeplätze, der im Bau befindliche Zuwachs in Groß-Bieberau ist mit 24 stationären Plätzen relativ gering, allerdings begrüßen wir den Ausbau des Angebots an betreutem Wohnen durch den Senio-Verband.“

In die Freude über das neue Angebot, das für die „Gersprenz“ auch zu einer Basis für den Ausbau der mobilen Dienstleistungen werden kann, mischt sich deutliche Kritik am Gebaren des Zweckverbands in der Projektentwicklung. „Die Kompetenz für die architektonische Umsetzung eines solchen Angebots liegt bei uns, dem Pflegedienstleister. Wir sind aber in keiner Phase konsultiert worden. Was dabei herauskommen kann, sieht man an unseren bestehenden Häusern, bei denen die Architekten ästhetische Gedanken verwirklicht haben, die nicht immer für den wirtschaftlichen Pflegebetrieb passen.“

Für die Zukunft sieht Keiber einen ziemlich radikalen Umbaubedarf: „Wir müssten jeweils zwei Zimmer zusammenlegen. Wer will den künftig im Alter noch auf 18 Quadratmetern leben? Dem wachsenden Bedarf an Seniorenwohnungen stehe allerdings eine Entwicklung gegenüber, die stationäre Pflege immer mehr Richtung Hospiz zu verschieben: „Wir hatten in unserem Haus in Reinheim 2015 eine Mortalitätsrate von 40 Prozent.“ Keiber lässt auch durchblicken, dass er die Konstruktion eines Pflegedienstleisters „Gersprenz“ und eines Gesamtgesellschafters „Senio“, der alle investiven Entscheidungen trifft, für problematisch hält. „Die Entwicklung von Haus Weinbergblick in Groß-Umstadt hat zehn Jahre und damit viel zu lange gedauert.“

Es wird deutlich, dass der Geschäftsführer lieber selbst die eine oder andere Entscheidung getroffen hätte. Der Konflikt zwischen dem Wunsch nach schnellen unternehmerischen Entscheidungen und der Langsamkeit politischer Entscheidungsprozesse in einem Zweckverband ist 2008 schon einmal so eskaliert, dass der relativ frisch angeworbene Sanierer seinen Hut nehmen wollte. Heute sagt er: „Die Organisation wäre wohl auch ohne den Verband zu retten gewesen. Wir hätten so etwa zwei Millionen Euro dafür gebraucht.“ Die Pflegelandschaft werde sich in den kommenden Jahren auch durch das neue Pflegestärkungsgesetz stark verändern. Keiber prognostiziert, dass die Löhne für das eher schlecht bezahlte Personal an das Niveau der Krankenpflege angeglichen werden und daraus für die „Gersprenz“ Mehrkosten von 400.000 Euro pro Jahr ins Haus stehen. Außerdem werde wohl ein Drittel der Pflegestufe 1 wegfallen.

Zwar sei die Organisation derzeit finanziell einigermaßen stabil, wird im Papier des Landrats festgestellt, die zu erwartenden Umbrüche seien aber mit Risiken verbunden. Deshalb bedürfe es einer Individualisierung der Pflegeangebote, der Spezialisierung auf bestimmte Krankheitsbilder, vor allem der Demenz, einer noch stärkeren Vernetzung mit den sozialen Strukturen vor Ort. Ein Kernsatz: „Das Altenpflegeheim der Zukunft ist eine attraktive Wohneinrichtung für selbstbestimmtes Leben im Alter und ein Mittelpunkt des Lebens im Quartier.“

Für die Zukunft der „Gersprenz“ schlägt der Landrat die Integration in einen Gesundheitskonzern mit Anbindung an die Kreiskliniken vor. Das eröffne zusätzliche Synergie-Chancen, sichere die medizinische Versorgung der „Kunden“ und schaffe die Basis für eine weitere Differenzierung des Angebots. Keiber, der kommendes Jahr in Rente gehen wird, kann sich die Zukunft der „Gersprenz“ zwar auch in einer Stiftung vorstellen, macht aber keinen Hehl daraus, dass er die Integration in eine öffentlich-rechtliche Holding ebenfalls für einen tragfähigen Weg hält. Und generell lesen sich manche Passagen des Schellhaas’schen Gesundheitspapiers so, als seien der Formulierung Gespräche mit dem „Gersprenz“-Geschäftsführer vorangegangen.

Quelle: op-online.de

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