Zwischen Archiv und Wartezimmer

Künstler nutzen Räumlichkeiten im alten Rathaus

Nur ein Teil der Künstlerinitiative, die sich als eine große Familie sieht (von links): Anja Haus, Eckard Heinrich, Ellen Jöckel, Kristin Wicher, Desiree Bauscher und Ute Schott. Bürgermeister Gerald Frank (Mitte) befürwortet das Engagement der Altheimer. - Foto: Hiss

Altheim - Unweit von Bäckerei und Bank kommt wieder Leben in den Altheimer Ortskern: Das alte Rathaus wird schon bald Werkstätte für Kunstschaffende. An einen Verkauf will keiner mehr denken. Von Corinna Hiss 

Etwas klamm ist es noch im Vorzimmer des Bürgermeisters, dafür erfüllt der heimelige Duft von frisch gebrühtem Kaffee den Raum, der so lange Jahre ungenutzt und leer war. „Schön, dass hier wieder Leben einzieht“, sagt Christiane Heinrich erfreut. Sie und ihr Mann Eckard sind Ur-Altheimer und lieben das alte Rathaus. „Es wäre ein Jammer, wenn es das mal nicht mehr gibt“, ist sich das Ehepaar einig.

Seit mehreren Wochen besteht nun aber Hoffnung, dass es nicht mehr zu einem Verkauf der denkmalgeschützten Immobilie kommt – so wie einmal von der Gemeindeverwaltung angedacht. Das Rathaus soll ARThaus werden (wir berichteten mehrfach), so sieht es eine Bürgerinitiative, bestehend aus Altheimer Künstlern, Anwohnern und Bekannten. Startschuss dafür ist am Samstag, 9. Mai, die Vorbereitungen laufen bereits auf Hochtouren. Beim Pressegespräch zeigt sich auch Bürgermeister Gerald Frank sichtlich begeistert vom Engagement der Altheimer. „Hier entwickelt sich eine ungeahnte Kreativität. Es ist schön zu sehen, dass das Projekt offen für jeden ist“, schwärmt der Rathauschef.

Jeder Raum wird genutzt

Aus der Idee einiger weniger hat sich mittlerweile ein ansehnliches Netzwerk gebildet. Bei der Eröffnung des Ateliers am Samstag, 9. Mai, soll das auch deutlich werden: Jeder Raum des noch leerstehenden alten Rathauses wird genutzt. Im kleinen Sitzungssaal im ersten Stock präsentieren Ellen Jöckel und Kristin Wicher Fotografien und Fragmente – für beide der ideale Ausstellungsort. „So eine helle Galerie mit vielen Fenstern auf zwei Seiten gibt es selten“, sagte Wicher. Direkt daneben wird das ehemalige Archiv, in dem einst Dokumente verstaubten, zum Ort digitaler Performance, bei der sich Keyboardmusik und Lesungen verbinden. Der Warteraum im Erdgeschoss wird zum Musik- und Literaturzimmer umfunktioniert. Eine besondere Idee für alle Besucher, die sich selbst kreativ austoben wollen, haben sich Anja Haus und Carmen Knöll überlegt. Auf ockerfarbenen Leinwänden kann jeder zu Pinsel und Acrylfarbe greifen, und so „sein“ Rathaus mit verschönern.

Momentan befindet sich das Projekt „Künstlerkolonie“ noch in der Beobachtungsphase. Nach dem Tag des offenen Ateliers ist geplant, dass die Räumlichkeiten weiter von den Kreativen genutzt werden. „Uns ist vor allem wichtig, dass das alte Rathaus in Gemeindeeigentum bleibt“, spricht Christiane Heinrich allen aus der Seele. Auch Bürgermeister Frank möchte erst einmal nicht mehr ans Verkaufen denken. Zwar soll es jetzt doch einen Interessenten geben, der die Immobilie privat nutzen möchte, doch Verhandlungsgespräche sind bis auf Weiteres auf Eis gelegt. Bis Ende Juni siedeln sich die Künstler im Rathaus an, in der Zeit wollen sie ein Konzept entwickeln, das den Erhalt des Gebäudes auch langfristig sichert.

Rund 300 000 Euro Sanierungskosten hatte die Verwaltung einst hochgerechnet, blieben die Künstler in den Räumlichkeiten, wären sie deutlich niedriger. „Wir brauchen nicht den Standard eines Wohnraums oder einer Arztpraxis. Uns langt ein dichtes Dach über dem Kopf“, sagt Eckard Heinrich. Dieser Wunsch soll ihm erfüllt werden: Rund 40 000 Euro sind dafür im Gemeindehaushalt bereitgestellt.

Alle weiteren Maßnahmen – etwa dreifach verglaste Fenster – sollen nach und nach durch Sponsoren finanziert werden. „Wir haben Zeit“, betont Frank. „Jahrelang hat sich nichts getan, da muss nicht alles auf einmal passieren.“ Wichtig ist dem Rathauschef nur, dass die Räume nicht mehr nutzlos bleiben. Der Bürgermeisterschreibtisch soll in Zukunft auch wieder seine Funktion erfüllen: Frank will die Sprechstunden im alten Rathaus abhalten.

Quelle: op-online.de

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