Offenbacher Heyne-Kunstfabrik präsentiert „Tape Art“

Schöner leben durch kleben

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Nur wenige Fixpunkte benötigt Felix Rodewaldt für seine „Doppelhelix“, die meisten Linien auf der gut zehn Meter langen Papierbahn zieht er frei Hand.

Offenbach - Thomas Kypta hat die „Tape Art“ für sich entdeckt – zwischen Berlin, Marakkesch und anderen Orten. Nun zeigt er Spielarten der neuen Kunstform in der „Heyne-Kunstfabrik“. Von Reinhold Gries 

Mit seiner Künstler-Auswahl, die ihre Kunstwerke meist vor Ort entwickeln, hat der Kurator einen guten Griff getan. Was sich seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Rhode Island als Form der „Street Art“ ausbreitete, birgt ungeahnte kreative Potenziale. Nicht von ungefähr haben etliche der sieben jungen europäischen Künstler und Tape-Art-Kollektive aus Berlin der Offenbacher Schau „Tape it“ künstlerische Hintergründe. Ihre Installationen, Wandbilder, Leuchtkästen und Skulpturen sind salonfähig, dazu fantasiereich, unkonventionell, akribisch und bunt.

Die Kölner Studenten Nicolas Lawin und Steffen Gorski firmieren als Duo unter dem Namen „Tape That“.

Farbstark und systematisch geht Felix Rodewaldt zu Werke. Wie ein gestandener Optical-Art-Künstler beklebt er aus grünen und roten Bändern eine zehn Meter lange liegende Papierbahn, die er „Doppelhelix“ nennt. Wie dabei rot-grüne Geometrie in grün-rote verwirbelt, ist großartig. An der Wand hängen mit „Square 1 und 2“ ähnlich meisterhaft geklebte Querformate, die sich jeweils aus einem Quadrat entwickeln und dieses tiefenräumlich in Bewegung bringen. Rodewaldt kommt dabei mit verblüffend wenigen Vermessungs- und Fixpunkten aus. In der abstrakt-expressiven Tafel „Chaos“ hat er orangefarbene Tapes ohne Regel gesetzt, chaotisch wirkt auch das nicht. Der Taper-Wahlspruch „Wer klebt, der lebt“ gilt auch für den in schillernd bunten Streifen zum Kunstwerk geadelten Mini-Cooper.

Das in Köln studierende Duo „Tape That“ aus Nicolas Lawin und Steffen Gorski kommt mit weniger Farben aus beim großflächigen, vorwiegend schwarz-weißen Wandbild „Rex“, das (ungewollt) an das untergegangene Offenbacher Kultkino erinnert - wegen der schillernden Rex-Leuchtschrift. Ansonsten wirkt die zentralperspektivische Stadtszenerie wie ein riesiger Scherenschnitt moderner Art, in den auch eine real existierende Tür einbezogen ist. Manche der schwarz geklebten architektonischen Fluchtlinien laufen über den Boden auf den Betrachter zu. Auch hier kleben und cutten die Artisten frei Hand.

Dschungel- bis höhlenartige Installationen

Die Spanierin Noelia Villena setzt solch körperlich anstrengendes Wirken mit Grandezza fort, um ihre dschungel- bis höhlenartigen Installationen aufzubauen. Aus ganz gewöhnlichem braunem Klebeband lässt sie Tapes wie Lianen durch den Raum wuchern. Und verhüllt wie Christo darin stehende, von innen leuchtende Gegenstände.

Eigenen Gesetzen folgt die Container-Landschaft, die Evi Kupfer aus Nürnberg aus vielen tausend Klebebandstücken im Auge des Betrachters zusammenfließen lässt. Oder was der Berliner Johnas Hohnke aus zerschmetterten Glasplatten macht, deren Einzelteile dem Besucher aus dem Rahmen entgegenkommen. Der aus Estland stammende Björn Koop hat ein futuristisches Wandbild geklebt, dessen Linienspiel viel Dynamik verströmt. Unkonventionell dürfte auch sein, wie die „Berliner Klebebande“ (Kolja Bultmann, Bruno Kolberg und Bodo Höbing) mit Video-Künstlerin Cloé zur heutigen Vernissage (ab 19 Uhr) digitale und analoge Kunst zum bewegten Hybrid-Bild ergänzen. Dazu installiert der Berliner Daniel Wenk eine Klebeband-Hängematte.

„Tape it“: Ausstellung in Offenbach

„Tape it“: Ausstellung in Offenbach

Und da wären die Leuchtkästen des Amsterdamers Max Zorn. Wie er Szenen aus 50er-Jahre-Streifen aus hinterleuchteten Packband-Tapes zu sepiagetönten Malereien schichtet, ist schon von der Fertigungstechnik erste Sahne. Seine Liegekästen kann man auf- und zuklappen – frei nach dem Klebebande-Motto: „Schöner leben mit Bändern, die kleben“.

„Tape it“ bis 02. April in der Heyne Kunstfabrik, Offenbach, Lilistraße 83 D. Geöffnet: Donnerstag und Freitag von 18-21 Uhr und nach Vereinbarung unter 069/85708415

Quelle: op-online.de

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