Premiere: Falk Richters Inszenierung „Zwei Uhr nachts“

Im Jugendmodus die Zeit anhalten

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Falk Richter ist zurzeit Hausregisseur an der Berliner Schaubühne, er arbeitete bereits für die Frankfurter Oper.

Offenbach - Der Dramatiker Falk Richter, Jahrgang 1969, ist Mitte der neunziger Jahre mit Stücken wie „Gott ist ein DJ“ viel gespielt worden. Von Stefan Michalzik 

Als Regisseur arbeitete er an großen Bühnen wie dem Hamburger Schauspielhaus, dem Schauspielhaus Zürich und bei den Salzburger Festspielen, er inszenierte an der Bayerischen Staatsoper und an der Frankfurter Oper. Seit 2000 ist er Hausregisseur an der Berliner Schaubühne. Am Sonntag ist im Bockenheimer Depot sein Stück „Zwei Uhr nachts“ zu sehen, seine erste Arbeit für das Frankfurter Schauspiel.

Mal dem Spruch nach: Was soll das Theater?

Diese Frage muss jede Inszenierung für sich beantworten. Immer wieder neu. Theater kann den Zuschauer mit einer ganz eigenen Ästhetik konfrontieren und Inhalte verhandeln, die so auf diese Weise nicht in Fernsehen, Film oder anderswo zu erfahren sind. Das Theater kommuniziert ganz direkt mit dem Zuschauer, es schafft Gemeinschaftserlebnisse und öffnet einen Raum, in dem man sich ohne Unterbrechung auf etwas einlassen kann und muss. Das Theater ist immer nur so gut wie seine Zuschauer. Der Zuschauer muss Lust haben, und neugierig sein, etwas zu erfahren, das er so vielleicht noch nicht kennt und seine Sehgewohnheiten neu einstellen für die Dauer einer Vorstellung. Wir leben heute in einer Zeit, in der Menschen oftmals überfordert sind, sie haben Angst, dass sie ihren Job, ihre Beziehung verlieren könnten, da sie nicht genug Leistung erbringen, nicht mithalten können mit all den Veränderungen, die fast täglich auf uns einwirken. Wir wissen nicht, wo unsere Zeit geblieben ist, und haben ständig das Gefühl, wir müssten noch schneller werden. Im Theater kann ich die Zeit anhalten, ich kann langsamer werden, Themen vertiefen, anstatt sie schnell aufzubereiten und Themen verhandeln, die in all der Geschwindigkeit des Alltags und in den knappen Sendeformaten des Fernsehens nicht mehr vorkommen. Im Theater kann ich vom Tod sprechen oder radikale politische Haltungen vertreten, und ich kann einen Menschen sprechen lassen, ohne dass er nach neunzig Sekunden alles gesagt haben muss.

Werden Sie in Ihrem neuen Stück eine Geschichte erzählen?

Es gibt einen narrativen Strang und Ansätze einer Handlung. Marc Oliver Schulze spielt einen Mann, der sich verweigert und nach einem anderen Leben außerhalb der Überdrehung, außerhalb der Überforderung sucht, er sehnt sich nach einer neuen Sprache, die seine Gefühle und Bedürfnisse beschreiben kann, ohne unentwegt auf psychoanalytische Termini und eine mittlerweile standardisierte Coachingsprache zurückzugreifen. Da entscheidet sich also jemand, nicht mehr zu funktionieren, er unterbricht sein Leben und will Räume schaffen, in denen Neues entstehen kann. In bestimmten Zeiten ist eine Revolution nicht möglich. Aber immerhin eine Unterbrechung des Bestehenden.

Handelt es sich um ein Nachtstück?

Ein anderes Thema ist wie der Titel schon sagt: Zwei Uhr nachts. Das ist eine Zeit, in der Dinge verschwimmen, Realität und Traumwelten fließen ineinander. Es ist die Zeit, in der die Schlaflosen keine Ruhe finden, sich in den Exzess stürzen, die Nacht durcharbeiten, sich auf Youtube von Verlinkung zu Verlinkung klicken, sich in Beziehungsauseinandersetzungen verhaken oder laut Musik hören und tanzen bis sie umfallen.

Der Frankfurter Intendant Oliver Reese hat kürzlich für eine Rückkehr der großen Erzählungen auf das Theater plädiert.

Ich bin Autor, kein Intendant, darum kann und muss ich nur erzählen, was mich persönlich interessiert. Es gibt eine dramatische Entwicklung des modernen Theaters: Büchners Fragmente - Brechts Verfremdungseffekt – Heiner Müllers Textflächen – die Postdramatik - das performative Ereignis - das Tanztheater. Das sind meine Einflüsse, und damit gehe ich um und versuche, eine eigene Form zu finden. Der Theaterwissenschaftler Hans Thies Lehmann hat einmal in einem Essay meine Arbeit als „Neodramatik“ bezeichnet. Aufbauend auf der Postdramatik und dem Fragmentarischen suche ich wieder Ansätze von Figuren, Handlung und Erzählung. Aber meine Dramaturgie ist meilenweit entfernt von dem, was man als „well made play“ bezeichnen könnte.

Mitte der neunziger Jahre wurde das Etikett „Popdramatiker“ auf Sie und einige Ihrer Generationsgenossen geprägt. Haben Sie sich mit dieser Vokabel identifizieren können?

Das war damals eine generelle Kategorisierung für alle Autoren meiner Generation. Unsere Generation ist mit Popmusik groß geworden, daraus resultieren viele popkulturelle Bezüge. Botho Strauß hat aus der Antike zitiert, bei mir kamen Bezüge eher von MTV. Heute schreibe ich anders, man entwickelt sich weiter. Aber ich finde meine alten Stücke nach wie vor gut.

Wo steht diese Generation heute, mit Mitte vierzig?

Die Generation ist voll angekommen in der Gesellschaft. Meine Altersgenossen besetzen führende Positionen in der Politik, sie übernehmen Intendanzen im Theater. Wir haben noch die Zeit vor der totalen Technologisierung des Lebens mitbekommen. Es hat nur drei Fernsehprogramme gegeben, niemand hatte Handy oder Personal Computer. Dann kam die große technologische Revolution. Das Büro ist jetzt überall, im Café, im ICE. Und man ist für den Chef rund um die Uhr zu erreichen, erledigt seine E-Mails im Bett. Nun spürt man, dass da etwas verlorengegangen ist. Menschen haben ihre engsten Beziehungen mit technischen Geräten und diese unentwegte Erreichbarkeit höhlt die Privatsphäre aus, es gibt keine Rückzugsräume mehr. Wir sind auch die erste Generation, die ihre Jugendphase ins Unendliche verlängern will. Wir sind in die Jahre gekommene Teenager. Wir mussten und müssen uns ständig verändern, weil die Technik sich stetig rasend weiterentwickelt und dauernd neue Anforderungen an den Menschen gestellt werden. Man ist praktisch dauernd in der Schule, das hält einem im Jugendmodus.

Quelle: op-online.de

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