Abschied von Notdienst in Dudenhofen

Der Letzte schließt die Tür zu

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Aus und vorbei: Wilfried Kowalzik schließt die Eingangstür der ärztlichen Notdienstzentrale zu. Vor 35 Jahren gehörte zu den Mitarbeitern der ersten Stunde Damals war er Sanitäter, heute ist er Oberarzt.

Dudenhofen - Die ärztliche Notdienstzentrale Dudenhofen war vor 35 Jahren bundesweit eine der ersten ihrer Art. Jetzt musste sie der Neuordnung der Bereitschaftsdienste weichen. Seit Neujahr ist die Tür für immer zu. Abschiedsstimmung prägte die letzten Tage - und besonders den Silvesterabend. Von Ekkehard Wolf

Zwölf Uhr mittags in der Friedberger Straße 30. Genauer gesagt: fünf vor zwölf. Ein älterer Mann schiebt sein Fahrrad durch die Einfahrt. Aus der Haustür kommt ihm ein Bekannter entgegen, ein rotes Rezeptformular in der Hand: „Na, bist du auch krank?“ - „Nein, ich will mich nur von der jungen Frau am Empfang verabschieden.“

Zwölf Stunden später ist endgültig Schluss. Als die ersten Böller krachen, legen die beiden diensthabenden Ärzte ihr Stethoskop zur Seite. Das Telefon ist bereits seit 19 Uhr umgeschaltet. Anrufe landen unter s 116117 in Frankfurt. Seit Tagen ist die Praxisroutine mit Abschiedsstimmung durchsetzt. Für Rainer Hettinger, seit fast 25 Jahren als Arzt dabei, haben diese letzten Tage fast etwas Morbides: „Ein Hauch von Abschied liegt über allem. Dinge funktionieren nicht mehr richtig. Es ist, als ob sich das ganze Haus verabschiedet.“ Das Aufhören fällt allen Beteiligten schwer: „Wir sind traurig. Viele Patienten sind es auch.“

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Wieso leistet ein Hausarzt aus Bad Nauheim regelmäßig Nacht- und Wochenenddienste in Dudenhofen? Hettinger: „Gutes Klima, gute Ausstattung, es hat alles gepasst. Ich bin hier geblieben und habe nie in einer anderen Notdienstzentrale gearbeitet.“ Das gute Betriebsklima hat es auch anderen angetan. „Ich finde schön, dass es hier so familiär ist“, erzählt Medizinstudentin Maryam Terazi, die den Ärzten als Helferin zur Hand ging. Nun muss sie sich einen neuen Job suchen.

„Immer viel Spaß gehabt“

„Wir waren immer ein gutes Team, wir haben viel Spaß gehabt“, lobt Claudia Below, eine andere nichtärztliche Mitarbeiterin. Der Gedanke „O je, heute habe ich Dienst!“ sei nie aufgekommen. Auch Chirurg Thomas Wegener ist in das Team hineingewachsen, obwohl er erst seit einem Dreivierteljahr dabei ist. In den Rodgauer Nächten machte er die Erfahrung, dass seine Fachdisziplin nur ein Teil des großen Ganzen ist: „Es gibt auch eine Medizin neben der Chirurgie.“ Ob Allergie, Bronchitis oder Hexenschuss: Wer leidet, hat ein Recht auf Hilfe.

Gutes Betriebsklima bis zum Schluss: Mit Eisspray, Desinfektionsmittel & Co. posieren Ärzte und andere Mitarbeiter am letzten Abend in einem der beiden Behandlungsräume.

„75 bis 80 Prozent der Patienten kommen mit einem berechtigten Anliegen“, ist Wegeners Erfahrung in der Notdienstzentrale. „Mir persönlich wäre eine finanzielle Eigenbeteiligung lieber, damit die anderen 20 bis 25 Prozent es sich zweimal überlegen, ob sie nachts um eins kommen.“ Er erwartet, dass die Reform des Bereitschaftsdienstes einen großen Teil der Arbeit in die Krankenhaus-Ambulanzen verlagert. Für Wegener ist die Schließung der Zentrale in Dudenhofen ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einer Zwei-Klassen-Medizin. Politik und Krankenkassen seien dabei, das deutsche Gesundheitssystem umzukrempeln: „Die Bevölkerung wird nicht gefragt, ob es ihr damit besser geht.“ Wenn nur noch der Zwang zur Kosteneffizienz regiere, bleibe die Versorgungsqualität auf der Strecke.

Ruhe kehrt ein

Silvester, 21 Uhr. Nach einem arbeitsreichen Tag kehrt in der Notdienstzentrale allmählich Ruhe ein. Die Dispositionszentrale aus Frankfurt gibt die Aufträge für die letzten Hausbesuche durch. Vielen erkälteten Kindern haben die Ärzte an diesem letzten Tag Linderung verschafft. Sie haben aber auch Herzbeschwerden untersucht und behandelt, Asthmaanfälle gelindert und Wunden versorgt. Hundebiss, Verbrennung, orthopädische Beschwerden - das ganze Spektrum der Allgemeinmedizin.

In dem engen Personalraum drängt sich das Team um den Tisch, auf dem die Pfännchen in einem Raclettegerät brutzeln. Diese Art des Abendessens ist ideal: Man kann es jederzeit unterbrechen, falls die Arbeit ruft. Während die Uhr der Mitternacht entgegentickt, kommen ein paar Kollegen vorbei, die dienstfrei haben. Die letzten Momente wollen sie noch miterleben.

Einer der späten Gäste ist Wilfried Kowalzik, der Dienstälteste im Team. Er war 1980 mit dabei, als die ärztliche Notdienstzentrale aufgebaut wurde: „Meines Wissens war es die erste Notdienstzentrale in der Bundesrepublik.“ Damals arbeitete er als Sanitäter, heute ist er Oberarzt in der Gynäkologie am Ketteler-Krankenhaus. „Aus Nostalgie“ hat er weiterhin Bereitschaftsdienste in Dudenhofen geleistet.

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„Viele, die früher hier als Studenten gearbeitet haben, sind heute Ärzte in leitenden Positionen“, weiß Wilfried Kowalzik. So sei im Lauf der Jahre ein großes kollegiales Netzwerk gewachsen. Der Nebenjob im Bereitschaftsdienst sei für Medizinstudenten trotz des geringen Lohns Gold wert: „Da lernt man Basismedizin, die man in keiner Uni beigebracht bekommt.“ Kowalzik selbst kam erst durch die Arbeit in der Notdienstzentrale dazu, Medizin zu studieren: „Ohne den Job hätte ich das Studium nie finanzieren können.“

„Die ärztliche Notdienstzentrale war für Rodgau eine Institution wie die Rodgau Monotones und der Badesee“, fasst Wilfried Kowalzik zusammen. In fast 35 Jahren haben sich so viele Erinnerungen angesammelt, dass sie ein Buch füllen könnten. Darunter sind auch tragische Erlebnisse, etwa mit jener verwirrten alten Dame, die erst nach einer Woche bemerkte, dass ihr Mann gestorben war. Erfreulicher endete ein Hausbesuch wegen unklarer Unterleibsblutungen: „Herzlichen Glückwunsch, Sie erwarten ein Kind“, gratulierte der Arzt der Patientin. Das Baby kam im Krankenwagen zur Welt.

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Quelle: op-online.de

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