Auf Jügesheimer Sandhof ein artgerechtes Zuhause

Arme Schweine sehen anders aus

Jügesheim - Der Sandhof in Jügesheim hat ein Alleinstellungsmerkmal. Landwirt Dan Fischer hält dort seltene Schweinerassen. Zu den Bentheimer Landschweinen sind jetzt Schwäbisch Hällische Säue hinzu gekommen. Von Natalie Kotowski

Der elfjährige Finn hat sprichwörtlich Schwein: Die Schwäbisch Hällische Sau „Blume“ gehört ihm alleine.

Als es nichts mehr zu fressen gibt, steigert sich das Geschrei ins Ohrenbetäubende. Sie drängeln, schubsen einander und keifen lauter als streitende Kleinkinder. Der elfjährige Finn grinst gelassen, die Rangelei erlebt er jeden Tag. „Das ist immer das Gleiche, sie wollen mehr“, konstatiert der Sohn von Sandhof-Landwirt Dan Fischer. Irgendwann beruhigen sich die vier Schwäbisch Hällischen Landschweine namens „Blume“, „Muffi“, „Schwabbel“ und „Schmatzi“, und verziehen sich zurück auf ihre Weide am Westweiler. Seit gut drei Monaten ist der Schweinebestand des Sandhofs um die vier seltenen Vertreter reicher. Sohn Finn suchte nach eigener Internetrecherche die Schwäbisch Hällischen aus, für Sau „Blume“ hat er sogar das alleinige Sorgerecht.

Das quiekende Quartett gehört zu den Sattelschweinen, die ihren Namen ihrer charakteristischen Färbung verdanken. Kopf und Hinterteil sind schwarz behaart, Rücken und Bauch umspannt ein unpigmentierter heller Gürtel, der Sattel. Das dreigeteilte Streifenkleid verdanken die in ihrer Hohenlohischen Heimat liebevoll „Mohrenköpfle“ genannten Tiere ihren asiatischen Vorfahren, den chinesischen Maskenschweinen. König Wilhelm I. von Württemberg soll im 18. Jahrhundert einige der schmackhaften, fettreichen Exemplare zur Kreuzung mit deutschen Artgenossen importiert haben.

Mit den vier Neuankömmlingen – drei Eber und eine Sau – hat Dan Fischer nach den 30 Bentheimer Landschweinen erneut Vertreter einer inzwischen seltenen alten Haustierrasse auf den Sandhof geholt. „In Deutschland und Österreich gibt es nur noch schätzungsweise 3 000 Muttertiere“, sagt Christoph Zimmer, Produktionsleiter bei der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall. Fischer ist damit einer von nur noch wenigen Bauern in Deutschland, die die schwarz-rosigen Vertreter halten. Noch vor 30 Jahren waren sie nach Angaben der Züchtervereinigung Schwäbisch-Hällisches Landschwein (ZVSH) so gut wie ausgestorben: 1984 habe es lediglich noch eine Sau und sieben Eber gegeben, die als reinrassig eingestuft wurden. Dan Fischer liefert die Erklärung für das Verschwinden der gestreiften Schweine: Sie sind den Kunden zu fett. „In Westeuropa wollen die Menschen nur möglichst mageres Fleisch. Eigentlich unverständlich, denn je fetter, umso besser schmeckt es.“

Die Schwäbisch Hällischen Speckgürtel-Träger haben nichts gemeinsam mit den so genannten Turbotieren aus der Fleischmassenproduktion. „In solchen Betrieben lebt ein Schwein drei Monate. Meine leben ein bis eineinhalb Jahre“, sagt der Sandhof-Landwirt. Zu jeder Jahreszeit seien die Schweine draußen, ihre Weiden müssten gepflegt, etliche Kilo Futter eimerweise zu den Koben geschleppt werden.

Das gentechnikfreie grobkörnige Mehl aus Gerste und Erbsen, das die Schweine fressen, stellt Fischer selbst her. Doch dieser Mehraufwand kostet Geld. Der Sandhof-Landwirt glaubt trotzdem an die Idee vom Slow Food: „Was in der Produktion lange dauert, ist oft besser als das, was schnell geht.“ Kunden seines Hofladens haben das verstanden, doch vor der Esskultur der anderen kapituliert er. „Es ist doch pervers, dass eine Dose Hundefutter mehr kostet als eine Leberwurst“, kritisiert er. Bei Lebensmitteln sei Otto Normalverbraucher leider wenig wählerisch. „Hauptsache billig.“ Fischer schlachtet etwa 20 Bentheimer Landschweine jährlich, je nach Nachfrage. Das ergibt etwa 1 000 Kilogramm Schnitzel, Koteletts, Lende und Rippchen. „Davon allein kann niemand leben“, sagt er. Und auch, dass die Schwäbisch Hällischen zum Verkaufsschlager werden, bezweifelt er. „Ich habe noch keines geschlachtet, deshalb kann ich nichts über die Qualität sagen. Aber wahrscheinlich zu fett für den hiesigen Gaumen.“ Seinen Sohn Finn wird es freuen. Der schmiegt sich an den haarigen Rücken eines Ebers: „Ach, mein Muffi“, seufzt er: „Ihr seid mir doch jetzt schon viel zu sehr ans Herz gewachsen.“

Schweine stürzen sich von Sprungturm

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Natalie Kotowski

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