Zwölf Hausärzte fehlen in Rodgau und Umgebung

Arztpraxis macht zu: Patienten auf der Suche

Nieder-Roden - Die ärztliche Versorgung in Rodgau wird ein Stück schlechter. Volker Weirich muss seine Hausarztpraxis am Puiseauxplatz schließen. Der Mietvertrag läuft aus, neue Räume stehen nicht bereit. Von Ekkehard Wolf 

Vor allem ältere Patienten tun sich schwer, einen anderen Arzt zu finden. Gestern hatte der Internist seine letzte Sprechstunde in der Oberen Marktstraße 1-3. Danach geht er zunächst als Krankheitsvertretung nach Seligenstadt. Seine beiden Arzthelferinnen musste er entlassen. Und was wird aus den Patienten? „Die Versorgung ist nicht geklärt“, bedauert der 44-Jährige. Zwei ortsansässige Kollegen hätten ihm erklärt, sie könnten keine neuen Patienten annehmen. Weirich bietet mobilen Patienten an, sie in Seligenstadt weiter zu behandeln.

„Für mich wäre das vor einem halben Jahr noch nicht denkbar gewesen“, betont der Mediziner. Trotz intensiver Suche sei es ihm nicht gelungen, geeignete Praxisräume zu finden. Da der Vermieter eine Räumungsklage angedroht habe, trete er nun die Flucht nach vorne an.

Seit Februar 2007 praktizierte Weirich als hausärztlicher Internist in Nieder-Roden. Die Praxis befand sich in einer umgebauten Wohnung. Ende 2014 wechselte diese Wohnung den Eigentümer. Der Mietvertrag sollte noch bis Ende 2015 laufen.

„Seit dem Jahreswechsel 2014/15 bin ich permanent auf der Suche nach Räumlichkeiten“, berichtet Weirich. Ob am Puiseauxplatz, an der Seestraße oder im Leipziger Ring: „Ich habe alles gesehen, was in Frage gekommen wäre, aber zeitnah war nichts Geeignetes zu bekommen.“ Wenn doch Räume leer standen, dann waren sie zu klein, zu dunkel oder der Umbau in eine Praxis war nicht möglich. Die städtische Wirtschaftsförderung bot Räume an, die aber erst 2017 frei geworden wären.

„Nächstes Jahr im März hätte ich auch in der Nähe des Bahnhofs einziehen können, ich war mich mit Herrn Werkmann einig“, so Weirich. Im Neubau an der Seniorenresidenz K & S wäre ebenfalls eine Arztpraxis möglich gewesen, aber auch erst 2017. „Eine Zwischenlösung für einige Monate wäre kaufmännisch nicht darstellbar gewesen“, bedauert der Arzt.

Die seltensten Krankheiten der Welt

Bis zum Frühjahr 2017 konnten die Eigentümer in der Oberen Marktstraße aber nicht warten. „Wir haben die Wohnung für uns selbst gekauft, wir wollen selbst einziehen“, sagt Hikmet Kol, ein Vater von drei Kindern. Als sich die Suche nach neuen Praxisräumen hinzog, vereinbarte das Ehepaar Kol mit dem Arzt eine Vertragsverlängerung bis zum 15. Juni. „Wir haben ihm gesagt, wenn Sie drinbleiben möchten, machen wir einen neuen Vertrag für fünf oder zehn Jahre“, betont Hikmet Kol. Dieses Angebot habe der Arzt ausgeschlagen. Er wollte sich nicht so lange an Praxisräume binden, die nur per Treppe erreichbar sind. Wegen der älteren Patienten strebte er eine barrierefreie Praxis an.

Dass die Suche nach neuen Praxisräumen erfolglos blieb, ist nicht nur für die Patienten und die Arzthelferinnen traurig. Volker Weirich: „Es sind langfristige Bindungen, die jetzt abbrechen, das belastet mich emotional sehr.“

Die Praxisschließung verschärft den Mangel an Hausärzten in der Mitte des Kreises Offenbach (Rodgau, Rödermark, Dietzenbach, Heusenstamm, Obertshausen). In diesen fünf Städten fehlen nun zwölf Hausärzte, wie aus den Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen hervorgeht. Der Ostkreis (Seligenstadt, Hainburg, Mainhausen) hingegen gilt mit 118 Prozent als überversorgt.

„Es scheint so zu sein, dass junge Kollegen die Selbstständigkeit scheuen“, sagt Volker Weirich. Für ihn sei die eigene Praxis vor neun Jahren wie eine Befreiung gewesen: „Der Riesenvorteil ist, dass man nicht mehr im Schichtbetrieb ist. Es ist ein viel befriedigenderes Arbeiten als im Krankenhaus.“

So viel kassieren niedergelassene Ärzte

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © dpa

Kommentare