Bahnhofsgebäude in Jügesheim

Vom Schandfleck zum netten Café

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Auftakt zur Sanierung eines Baudenkmals: Entlang der Grundmauern des Bahnhofsgebäudes ist der Boden aufgegraben.

Jügesheim - Das Erdgeschoss des Jügesheimer Bahnhofs wird zu einem Café mit Backshop umgebaut. Kemal Özer hat das ehemalige Empfangsgebäude im vergangenen Jahr gekauft. Nun hat die Sanierung begonnen. Von Ekkehard Wolf 

Bevor die Familie sich der Inneneinrichtung widmen kann, ist an dem Altbau noch Einiges zu tun. Dass sich am Bahnhof etwas tut, ist nicht mehr zu übersehen. Vor der Außenwand ist ein Graben ausgehoben. Die Mauern sind zwar aus massiven Steinen gemauert, müssen aber dennoch vor der Feuchtigkeit des Erdreichs geschützt werden. Elektro- und Sanitärinstallationen dürften die nächsten Baustellen sein. „Wir stehen noch ganz am Anfang“, sagt die Ehefrau des Eigentümers. Vor ihrem inneren Auge sieht sie schon das fertige Café mit etwa 25 Sitzplätzen, einigen Stehtischen und Sitzgelegenheiten im Freien. „Die Bahnhofsatmosphäre soll bleiben“, ist ihr wichtig. Sie erinnert sich daran, dass sie selbst als Schülerin noch in der Wartehalle saß und auf den Rodgau-Express wartete. Der Standort ist ideal. S-Bahn und Stadtbusse bringen viel Laufkundschaft. Die Ortsmitte ist nur ein paar Fußminuten entfernt.

Ein Schandfleck: Der ehemalige Stellwerksbau mit verrammelten Fenstern und Schmierereien.

Beim Umbau des alten Gebäudes müssen die neuen Eigentümer mit manchen Einschränkungen rechnen. Ihr Bahnhof ist ebenso als Baudenkmal geschützt wie fast alle anderen Bahnhöfe an der Rodgau-Strecke. Wenn alles gut geht, kann das Café im Mai oder Juni aufmachen. Das eigene Café soll ein zweites Standbein für den Familienbetrieb werden. Kemal Özer und sein „Aladin-Großhandel“ beliefern Abnehmer im Rhein-Main-Gebiet und darüber hinaus mit Fleisch und Wurstwaren. Vor mehreren Jahren hatte die Familie einen Lebensmittelmarkt in Frankfurt. Der Bahnhof Jügesheim ist das vierte und letzte Bahnhofsgebäude in Rodgau, das einer neuen Nutzung entgegensieht. Alle wurden beim Bau der Bahnstrecke Offenbach - Reinheim um 1896 nach einem einheitlichen Typ errichtet.

Schon 1981 hatte die damalige Bundesbahn das Empfangsgebäude in Dudenhofen an einen pensionierten Bahnbeamten veräußert, der darin eine kleine Gaststätte und einen Kiosk einrichtete. Im Obergeschoss wohnte er selbst. Mit dem Bau der S-Bahn in den Jahren 2001 bis 2003 wurden auch die drei übrigen Stationsgebäude in Nieder-Roden, Jügesheim und Weiskirchen überflüssig. Die Deutsche Bahn verkaufte sie „en bloc“ an ein Unternehmen namens First Rail Estate. 502 Bahnhöfe wechselten damals den Besitzer. Die First Rail Estate und ihre Tochterfirma First Rail Property meldeten im Sommer 2005 Insolvenz an. Ein Jahr später ging das komplette Bahnhofspaket an eine Finanzgesellschaft aus Luxemburg über. Die Bewirtschaftung übernahm die RGM Gebäudemanagement GmbH (Dortmund) mit ihrem Außenbüro in Dreieich. Der damalige Dreieicher Geschäftsführer Dirk Barkhausen kündigte an, „eine Revitalisierung und Sanierung“ der Gebäude an, um sie anschließend zu vermieten oder zu verpachten.

Der Bahnhof Weiskirchen dient seit Jahren zu Wohnzwecken. Im Bahnhof Nieder-Roden und dessen einstigem Güterschuppen befindet sich ein Bistro. Nur das Empfangsgebäude in Jügesheim blieb über Jahre hinweg ohne neue Nutzung stehen, nachdem das Stadtparlament einen Ankauf aus finanziellen Gründen abgelehnt hatte. Seit Jahren gilt dieser Bahnhof als Schandfleck im Ortsbild: Die Fenster verrammelt und mit seltsamen Schriftzeichen besprüht, die Uhr kaputt, der Güterschuppen im Sommer 2006 abgebrannt.

Warum eröffnet erst jetzt ein Eigentümerwechsel die Chance auf eine positive Entwicklung? Ganz einfach: Das Erdgeschoss war bis Ende 2013 an die Deutsche Bahn vermietet. Der Mietvertrag bezog sich offenbar insbesondere auf das ehemalige Stellwerk, das allerdings seit dem Beginn der S-Bahn-Bauarbeiten 2001 nicht mehr genutzt wurde. Inzwischen sind die Hebelbänke und die anderen Teile der historischen Bahntechnik demontiert. Ein Sammler hat sie ausgebaut und will sie dem Verein „Museumseisenbahn Hanau“ zur Verfügung stellen.

Quelle: op-online.de

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