Ausstellung im Bürgerhaus

Lager Rollwald: Belgier auf Spurensuche in Rodgau

+
Ein Gefangenenlager des NS-Unrechtsstaats befand sich sieben Jahre lang in Rollwald. Eine Ausstellung erinnert daran.

Nieder-Roden - Das Kriegsende vor 70 Jahren bedeutete auch Freiheit für viele Insassen des Gefangenenlagers Rollwald. Daran erinnert eine Ausstellung im Bürgerhaus Nieder-Roden. Zur Eröffnung reisten sogar Gäste aus Belgien an. Von Ekkehard Wolf

Ihr Vater, ein politischer Häftling, war am 19.April 1945 aus Rollwald nach Hause entlassen worden. Jozef Froyen war einer von 10 000 Menschen, die zwischen 1938 und 1945 im Lager Rollwald leiden mussten: bei harter Arbeit und zu wenig Essen, in zugigen Bretterbaracken unter schlimmen hygienischen Bedingungen. Die acht Monate Lagerhaft machten ihm Zeit seines Lebens zu schaffen, auch wenn er kaum darüber sprach. Sein Sohn André erzählt: „Er war in sich gekehrt und wiederholte oft: Ich verstehe nicht, wie ein Mensch dem anderen so etwas antun kann.“

Nach der Rückkehr aus der Haft konnte der gelernte Bäcker seinen Beruf nicht mehr ausüben. Er blieb zu Hause und konnte nur noch leichte Gartenarbeit verrichten. Jozef Froyen wurde 68 Jahre alt. „Der Krieg hat seinen Tribut gefordert“, sagt sein Sohn. Mit Dankbarkeit erinnern sich André Froyen und seine Geschwister an ihre Eltern: „Wir konnten die Last, Kinder eines Überlebenden zu sein, nur tragen, weil weder Vater noch Mutter eine Spur von Hass hatten.“

Als Handwerker war Jozef Froyen kein Mann der großen Worte. Nur zwei Mal legte er das, was ihn bewegte, schriftlich nieder. In einem der beiden Texte beschreibt er den Tag der Befreiung des Lagers Rollwald. „Dann fuhren zwei amerikanische Panzer in das Lager hinein. Die Gefangenen tanzten, sangen und weinten.“ Etwas später steht der Satz: „Man muss Hunger gelitten haben, um zu wissen, wie wertvoll Brot ist.“

So begann der Zweite Weltkrieg

So begann der Zweite Weltkrieg

Für die Nachkommen war es wichtig, nach 70 Jahren den Ort zu besuchen, an dem ihr Vater im Lager litt. „Wir hatten ein bisschen Angst, dass wir in Nieder-Roden keine Spuren mehr finden und dass das Lager nur noch eine Anekdote ist“, gestand André Froyen ein. Voller Wärme dankte er allen, die sich dafür einsetzen, dass die Erinnerung nicht verloren geht: „Das bedeutet uns sehr viel.“

Vor etwa 15 Jahren hatte ein Förderverein die historische Aufarbeitung der Lagergeschichte angestoßen.Die Historikerin Dr. Heidi Fogel legte 2004 ihre Ergebnisse in einem 400-Seiten-Buch vor. „Auch zehn Jahre, nachdem das Projekt abgeschlossen ist, gibt die Vergangenheit keine Ruhe“, sagt sie: „Kinder und Enkel wollen wissen, was mit ihren Angehörigen geschehen ist.“ Die Chancen dafür sind besser denn je, weil weitere Archive für die Forschung geöffnet wurden. Der Verein für multinationale Verständigung Rodgau (Munavero) unterstützt Angehörige bei der Spurensuche. Neue Erkenntnisse sind zu erwarten, wenn nun auch die Geschichte des Gefangenenlagers Eich in Rheinland-Pfalz erforscht wird. Dieses so genannte Polenlager gehörte organisatorisch zu Rodgau.

70 Jahre nach Kriegsende blicken die fünf Kinder von Jozef Froyen vom Hotel auf eine friedliche Wohnsiedlung. Rollwald. Sie denken an ihren Vater, fühlen sich ihm auf eine neue Weise nahe. Als er vor 70 Jahren heimkehrte, wartete seine Braut auf ihn. „Das war das Beste, was ihm passieren konnte“, sagt Hubert Froyen, einer der Söhne, „sie wartete auf ihn, nur deshalb konnte er überleben.“

Quelle: op-online.de

Kommentare