Training soll die Veränderungen durch Demenz bremsen

Bewegung hält auch das Gehirn fit

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Partner gesucht: Bei diesem Bewegungsspiel suchen die Teilnehmer andere Personen, mit denen sie „andocken“ können. Dabei geben beide ihren Tennisball in die freie Hand des anderen ab.

Nieder-Roden - Spezielle Bewegungsangebote für ältere Menschen sollen den körperlichen und geistigen Abbau bremsen. Übungsleiter und Pflegekräfte lernen im Sozialzentrum Nieder-Roden das Konzept „Moment“ kennen. Das ist mehr als nur ein anderes Wort für Augenblick. Von Ekkehard Wolf 

Der Begriff „Moment“ steht für „motorisches und mentales Training“. 18 Frauen und ein Mann haben sich hinter ihren Stühlen aufgestellt. Wechselschritt links, Wechselschritt rechts, linkes Bein und rechten Arm anheben. Wie bitte? Linkes Bein und rechten Arm? Da sind Koordination und Gleichgewicht gefragt. Gymnastiklehrerin Christine Oehme-Gourgues gibt die Kommandos: „Aufrecht stehen – atmen – und lächeln!“

Die meisten Teilnehmer des Qualifizierungskurses kommen aus Rodgau und Umgebung. Einige sind Übungsleiter in Sportvereinen, andere arbeiten in Altenheimen oder ähnlichen Einrichtungen. Der Kurs soll sie in die Lage versetzen, ältere und demenzkranke Menschen anzuleiten. „Moment“ ist eine gemeinsame Initiative des Landessportbundes und der Diakonie. Seit 2010 wurden mehr als 220 Personen ausgebildet. Eine Internetseite listet alle „Moment“-Gruppen auf, die daraus entstanden sind.

Jedes Jahr finden zwei Qualifizierungskurse statt, einer in Frankfurt und einer in der Region. „Rodgau passte sehr gut, weil die Stadt in der Demenzbetreuung aktiv ist“, sagt Ute Müller-Steck von der Bildungsakademie des Landessportbundes. Die studierte Sportwissenschaftlerin übernimmt den theoretischen Teil des Kurses. Sie erklärt zum Beispiel den Aufbau einer Übungsstunde. Gymnastiklehrerin Christine Oehme-Gourgues ist für die Praxis zuständig. Sie zeigt Übungen, die die Kursteilnehmer später in ihren Gruppen anwenden können.

„Vorrangig wollen wir demenziell veränderte Menschen im Frühstadium erreichen“, sagt Ute Müller-Steck. Für diese Personengruppe fehle es oft noch an geeigneten Angeboten: „Wenn jemand in der Seniorensportgruppe überfordert ist, fällt er aus dem Raster.“ Die Kombination aus Bewegung und Gedächtnistraining könne Demenz zwar nicht stoppen, aber verlangsamen. Es gehe darum, „zu erhalten, was noch da ist.“

„Es ist wichtig, dass wir die Menschen so selbstständig wie möglich erhalten“, betont Ute Müller-Steck. Diesem Ziel dienen so genannte „Dual Tasks“, also Aufgaben, bei denen Gehirn und Geschicklichkeit gleichzeitig gefordert sind. Ein beliebtes Spiel heißt „Andocken“: Alle Kursteilnehmer gehen mit erhobenen Händen durch den Raum, in einer Hand einen Tennisball. Die Aufgabe besteht darin, einen anderen Menschen zu finden, der den Ball in der gleichen Hand hält. Beide übergeben den Tennisball an den anderen und die Suche beginnt von vorn – jetzt aber mit der anderen Hand.

Prominente, die ihr Gedächtnis verloren 

Was im Qualifizierungskurs Spaß macht, ist für manchen demenzkranken Menschen vielleicht schon zu schwierig. Deshalb lernen die Kursteilnehmer viele Angebote in allen Anforderungsstufen kennen. Dazu gehört auch das, was man in der Demenzbetreuung „Biographiearbeit“ nennt. Ute Müller-Steck öffnet einen abgeschabten Koffer voller Gegenstände, die an früher erinnern: eine Dose Lederfett, eine gestrickte Puppe, eine Taschenlampe und vieles mehr. Christine Oehme-Gourgues holt ein Paar Schneebesen mit Kurbel heraus: „Damit können alle etwas anfangen. Sie wissen noch, wie es geht.“

Aber wie begeistert man die richtigen Menschen dafür, in einer „Moment“-Gruppe mitzumachen? Das ist gar nicht einfach. Vor allem Männern fällt es schwer, sich darauf einzulassen. „In meiner Gruppe ist es so, dass die Männer ihre Frauen schicken“, berichtet Gymnastiklehrerin Oehme-Gourgues.

„Gymnastik gilt als Frauenkram“, bestätigt Ute Müller-Steck: „Wir müssen es anders nennen und dann haben wir vielleicht die Chance Männer zu bekommen. Ich mache das seit 20 Jahren. Das ist ein ewiger Kampf. Wenn man es Fitness nennt, kommen sie eher.“ Allzu sportlich darf es aber auch nicht klingen. Sport erinnert manche älteren Menschen zu sehr an frühere Leistungsanforderungen, die sie nicht mehr erfüllen können. „Wir sprechen lieber von Bewegung“, sagt Müller-Steck. Wolfgang Pfannemüller vom Turnverein Dreieichenhain erzählt von einer Seniorengruppe, bei der ungefähr 20 Männer jede Woche mitmachen. Sein Geheimrezept: Die Männer können ihre Bewegungsstunde mit einer „sinnvollen“ Aufgabe verbinden. „Bei uns ist ein Markt vor der Turnhalle. Da geben die Männer ihren Einkaufszettel und ihre Tasche ab und holen ihre Einkäufe nach der Stunde wieder ab.“

Im Rhythmus bleiben: Tanzen als Hobby für Senioren

Quelle: op-online.de

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