Interview mit der hessischen Milchkönigin Svenja Löw aus Jügesheim

Billige Milch: „Verbraucher können etwas ändern“

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Milchkönigin Svenja Löw mit ihrer Lieblingskuh, die sie vom Kälbchen zur ausgewachsenen Milchkuh hat heranwachsen sehen. Das Tier ist drei Jahre alt und hat vor etwa zwei Monaten zum ersten Mal gekalbt.

Jügesheim - Die Tüte Milch ist im Supermarkt so billig wie schon lange nicht mehr. Was man als Kunde gern mitnimmt, bereitet den Milchbauern schlaflose Nächte. Auch die Milchviehbetriebe in Rodgau müssen mit extrem niedrigen Erzeugerpreisen leben.

Wie schwierig das ist, berichtet Svenja Löw (24) im Interview mit unserem Redakteur Ekkehard Wolf. Die Landwirtin und Agrarbetriebswirtin bewirtschaftet gemeinsam mit ihren Eltern einen Betrieb mit 140 Milchkühen östlich von Jügesheim. Als hessische Milchkönigin repräsentiert sie zudem die hessische Milchwirtschaft.

Macht es Ihnen noch Spaß, Landwirtin zu sein?

Natürlich macht es mir noch Spaß. Der Beruf ist sowas von vielseitig, sei es die Arbeit im Büro, der Umgang mit den Tieren, das Arbeiten draußen in der Natur. Man hat einfach alles. Wir arbeiten mit modernen Maschinen, mit der neuesten Technik. Natürlich ist es mit dem momentanen Milchpreis schwierig. Aber man hat immer noch Spaß daran, die Tiere großzuziehen und die Entwicklung vom Kalb zur Kuh mitzuerleben.

Der Erzeugerpreis für Milch ist in Norddeutschland erstmals unter 20 Cent pro Liter gefallen. Wie viel Geld bekommen Sie zurzeit?

Der momentane Preis bei unserer Molkerei ist 21 Cent pro Liter Milch.

Wie hat sich der Preis in den letzten Jahren entwickelt?

Unsere Molkerei hat versucht, immer noch einen höheren Milchpreis auszuzahlen, soweit es ging. Durch die momentane Marktlage ist sie aber gezwungen, runterzugehen.

Was bedeutet das für einen Betrieb Ihrer Größenordnung? Kommen Sie mit 21 Cent pro Liter aus?

Natürlich kommen wir mit dem Geld nicht mehr aus. Das bedeutet für den Betrieb: optimieren. Wo kann man noch einsparen? Da sitzen wir mit unserem Berater öfters zusammen, um zu schauen, was noch einzusparen geht. Wo am meisten zu sparen ist, ist leider an der Familie. Dann man sich etwas nicht leisten oder muss auf etwas anderes verzichten. Aber für die Kühe gibt’s immer nur das Beste.

Wie hoch müsste denn der Milchpreis sein, damit Sie davon leben können?

Momentan rechnet man mit 32 bis 33 Cent, um überhaupt wirtschaften zu können. Wir haben auch so hohe Auflagen, die wir erfüllen müssen. Das Tierwohl wird überall gefordert. Auch das hat seinen Preis.

Als Milchkönigin kommen Sie sicher mit vielen Kollegen zusammen. Wie ist die Stimmung unter den hessischen Milchbetrieben?

Die Stimmung ist sehr schlecht. Man bekommt es überall mit. Man hört, wie viele Betriebe aufhören. Sie sagen, sie ziehen jetzt die Reißleine, bevor sie sich zu sehr verschulden und alles nur noch schlimmer wird.

Heißt das, dass in absehbarer Zeit nur noch die ganz großen Betriebe überleben können?

Irgendwann wird es wahrscheinlich so sein, auch wenn viele Leute lieber die kleinen Familienbetriebe möchten. Durch die Gesetzeslage und den momentanen Preisdruck können Familienbetriebe nicht mehr bestehen. Auch wenn die Regierung sagt, sie will diese Entwicklung nicht, werden wir doch indirekt dorthin getrieben. Kleinere Betriebe können aber Nischen wie die Direktvermarktung nutzen.

Vollwert-Ernährung: Clean Eating ist in Mode

Viele Menschen geben für ihr Auto und das neueste Smartphone mehr Geld aus als für ihre Ernährung. Wie kann man wieder ein Bewusstsein für den Wert der Lebensmittel wecken?

Das fängt bei den Kindern an. Da hat auch die Schule eine Aufgabe. Es gibt zwar Lehrgänge und Fortbildungsangebote, aber viele Lehrer nehmen sie nicht wahr. Es sollte zur Pflicht werden, dass sie sich darüber informieren, woher die Lebensmittel kommen. Die Menschen sollten wieder Vertrauen in die deutsche Landwirtschaft bekommen. Denn es ist bewiesen, dass Deutschland die höchsten Qualitätsstandards hat. Darauf sollten wir alle stolz sein. Die Bevölkerung sollte stolz darauf sein, solche Produkte verzehren zu können, und dafür auch freiwillig einen gewissen Preis ausgeben.

Das Werben für den Wert der Lebensmittel ist ja auch Teil Ihrer Aufgabe als hessische Milchkönigin. Sie haben in den nächsten Tagen zwei Termine auf dem Hessentag. Mit welchen Gefühlen gehen Sie da hin?

Mit einem guten Gefühl: Man kommt mit den Verbrauchern ins Gespräch und kann ihnen erklären, wo die Milch herkommt und wie viel Arbeit dahinter steckt. So merken sie, dass auch sie durch ihr Verhalten etwas ändern können, indem sie nicht die billigste Milch kaufen, sondern lieber die Markenmilch nehmen oder gleich beim Bauern kaufen.

Letzte Frage: Sie sind auf dem Bauernhof aufgewachsen und wollten schon als Kind Landwirtin werden. Haben Sie sich schon mal gefragt, ob das auch der richtige Beruf ist?

Landwirtin zu sein ist für mich kein Beruf, es ist eine Berufung. Das mache ich mit Herz und Leidenschaft. Da kann kommen, was will, ich werde diesen Beruf immer lieben.

Quelle: op-online.de

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