Lärmschutz an der L3097

„Warum müssen die Bäume weg?“

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Wem gehört der Grünstreifen? Wolfram Pfeiffer (links) erörtert die Eigentumsfrage mit Hartmut Jerulank (rechts).

Rollwald - Anwohner der Nahestraße kämpfen für eine Baumreihe, die sie von der stark befahrenen Landesstraße 3097 trennt. Die Sorge vor einem Kahlschlag treibt sie auf die Straße. Von Ekkehard Wolf 

Eine der Betroffenen ist Liane Saßmann: „Wenn die Bäume gefällt werden, gibt es für uns keinen Lärm- und Sichtschutz mehr.“ Die Bäume sind mit roten Nummern versehen. Fast jeder Stamm trägt einen roten Strich. Schilder auf dem Parkplatz warnen: Haltverbot wegen Baumfällarbeiten. Einige Anwohner stellen sich den Männern mit der Motorsäge in den Weg. Die Arbeiter fahren wieder weg. Die Bäume bleiben stehen - noch. Eine Woche später: Ortstermin auf dem Parkplatz Nahestraße. Montag, 8.30 Uhr, ein kalter Wintermorgen. Unter einer mächtigen Eiche warten ein Dutzend Anwohner auf die Delegation aus dem Rathaus. Einer der vier städtischen Mitarbeiter trägt eine neongelbe Arbeitsjacke. „Ah, da ist ja der Übeltäter“, wird er scherzhaft begrüßt. „Hier gibt es keinen Übeltäter, hier gibt es nur Sachzwänge“, sagt Hartmut Jerulank, der im Rathaus den Fachbereich „Grünanlagen und Forst“ leitet. Er versucht die schlimmsten Befürchtungen zu entkräften: „Es ist ja nicht vorgesehen, dass wir Tabula rasa machen wollen.“

Viele Fragen bewegen die versammelten Anwohner. Was ist überhaupt geplant? Warum ausgerechnet jetzt? Wie können Bäume morsch sein, die doch erst 30 Jahre alt sind? Und warum sollen die dünnen Birken weg? „Wir machen das ja nicht aus Jux und Tollerei“, beschwichtigt Jerulank: „Wir sind verpflichtet, mindestens einmal im Jahr alle Bäume kontrollieren zu lassen, die uns gehören. Und wenn der Baumkontrolleur uns sagt, ein Baum ist nicht mehr standsicher, dann müssen wir ihn wegmachen.“ Der Grünstreifen zwischen Parkplatz und Landesstraße ist nicht einmal in städtischem Eigentum. Dennoch sieht sich die Stadt für die Sicherheit verantwortlich. Das nur wenige Meter breite Flurstück gilt als Niemandsland. Es gehörte einst dem Bauträger „Bauteam Süd“, der aber längst das Zeitliche gesegnet hat. Bettina Eilingsfeld von der Stadtverwaltung hat versucht, den aktuellen Eigentümer zu recherchieren: „Der Konkursverwalter ist auch nicht mehr auffindbar.“

Die Eigentumsfrage bleibt rätselhaft. Wolfram Pfeiffer hat kürzlich ein Reihenhaus erworben. Er vermutet, dass zu jedem Auto-Stellplatz auch ein Stückchen Grünstreifen gehört: „Ich habe für 13 Quadratmeter Stellplatz bezahlt, aber der eigentliche Stellplatz hat nur zehn Quadratmeter. Das Stück dahinter gehört also dazu.“ Soweit die Stadtverwaltung weiß, ist der Grünstreifen jedoch als eigenständiges Flurstück im Grundbuch eingetragen. Gemeinsam mit den Bürgern gehen die Fachleute aus dem Rathaus die Gehölzreihe entlang, erklären die geplanten Arbeiten und beantworten Fragen. Ergebnis: Statt des befürchteten Kahlschlags werden drei Bäume gefällt. Drei oder vier weitere Kronen werden gekappt, so dass die Bäume weiterleben. Deutlich wird aber auch: Jeder einzelne Eingriff stellt für die Menschen einen Verlust dar. „Wir sind froh um jedes Blatt, das hier am Baum hängt“, sagt ein Anwohner. Obwohl die Baumreihe bereits jetzt einige Lücken aufweist, bildet sie im Sommer doch eine grüne Wand, die den Blick auf die Landesstraße verdeckt. „Die Leute haben ihre Terrassen zur Straße hin“, berichtet Anja Keller: „Wenn hier alles weg ist, kann ich meinen Frühstückstisch gleich an die Straße stellen.“

Baumrodung für Opel-Testcenter

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„Warum müssen die Bäume weg?“, fragt eine Nachbarin. „Weil sie morsch sind“, antwortet Jerulank und deutet auf eine Vogel-Kirsche, an deren Stamm handtellergroße Pilze wachsen: „Wenn ein Baum solche Pilze ausbrütet, dann ist er am Ende. Dieser Baum fällt spätestens in zwei Jahren von selbst um. Wenn er auf die Straße fällt und jemand zu Schaden kommt, ist die Stadt dran.“ Aber wie passt es dazu, dass beim Sturm vor gut zwei Wochen kein einziger Ast herunterfiel? „Da haben Sie Glück gehabt“, heißt die trockene Antwort.

Anwohner der Nahestraße beraten an der L 3097 über die Zukunft der Baumreihe. Ihre Reihenhäuser stehen 35 Meter von der Landesstraße entfernt.

So geht es weiter: An Baum Nummer 36 wird die Krone zurückgeschnitten, damit die Straßenlaterne frei bleibt. An Nummer 28 mit dem ehemaligen Baumhaus werden morsche Äste entfernt. Die Kiefer Nummer 23 nimmt ihrer Nachbarin Licht weg, bei Wind schlagen die Baumkronen aneinander. „Hier ist 30 Jahre lang gärtnerisch nichts gemacht worden“, sagt der Chef der städtischen Grünanlagen. Die Stadt wisse erst seit zwei Jahren, dass sie zuständig sei. In die Lücken der Baumreihe will die Stadt nun Sträucher wie Hainbuchen und Feldahorn pflanzen, die drei bis vier Meter hoch werden. Jerulank: „Das ist der Kompromiss, den wir Ihnen anbieten können. Aber einige Bäume müssen weg. Da führt kein Weg daran vorbei.“

Quelle: op-online.de

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