Käufer sollen mitziehen

Bürgermeister fordert klares Bekenntnis zum Innenstadtkonzept

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Jügesheim - Wie geht es weiter mit dem Einzelhandel im Jügesheimer Ortskern? Nachdem Eisen Rupp an der Kirche seinen Rückzug angekündigt hatte, folgt nun am Jahresende Elektro Rossbach. Redaktionsleiter Bernhard Pelka sprach darüber mit Bürgermeister Jürgen Hoffmann.

Im Ortskern von Jügesheim scheint eine Abwärtsspirale in Gang gekommen zu sein.

Wird’s nicht langsam ein bisschen eng für die verbliebenen Geschäfte?

Diese Abwärtsspirale dreht sich schon länger. Nur die Folgen werden erst jetzt deutlich. Sie waren absehbar – nicht für diese zwei Geschäfte explizit, aber für die Gesamtsituation schon. Deshalb gibt es zwischen Stadt und Grundstückseigentümern schon seit Juni 2012 Gespräche. Die Stadtverordnetenversammlung hat dann ja folgerichtig beschlossen, auch mit einem möglichen Investor zu reden. Was jetzt passiert, schockt mich sehr. Es ist aber sogar zu befürchten, dass weitere folgen werden. Wenn nicht jetzt etwas geschieht, wird es irgendwann zu spät sein.

Dann soll die Diskussion um eine neue Einkaufsstruktur in Jügesheim nicht nur Kritik sein, sondern vielmehr etwas in Gang setzen? 

Sie muss etwas in Gang setzen. Wir müssen dahin kommen, dass verstanden wird, dass wir nicht über ein großes Einkaufszentrum reden. Das wäre der falsche Ansatz. Wir müssen uns Gedanken darüber machen, welche Einkaufsflächen wir im Innenstadtbereich brauchen, um die Bedürfnisse zu erfüllen und die Nahversorgung zu sichern. Auch muss es darum gehen, Strukturen zu schaffen, die es auch kleineren Läden ermöglichen, quasi im Windschatten der Großen zu überleben.

Sommersonntag, Frühlingsmarkt, Angebote im Advent: viele Aktivitäten zur Attraktivitätssteigerung des Jügesheimer Zentrums scheinen nur ein Strohfeuer zu sein. Wie können der Handel und die städtische Wirtschaftsförderung die Lage überhaupt noch in den Griff bekommen?

Wo die Reise hingehen soll, steht in unserem Einzelhandelskonzept. Die Kunden müssen das aber natürlich mit Leben füllen. Wir brauchen eine Bewegung mit klaren Bekenntnissen. Die Leute müssen sagen: Wir wollen hier einkaufen. Erst das würde den Unternehmern mit ihren Geschäften die Sicherheit geben, die sie brauchen.

Kaufkraft ist vorhanden. Nur die Publikumsfrequenz müsste viel besser sein. Zum Beispiel von der Idee, die Kunden notfalls mit Bussen heranzukarren, ist aber nichts geblieben. Warum versanden so viele gute Ansätze, mit denen der Jügesheimer Ortskern belebt werden könnte?

Wir haben hier im Bekleidungsbereich einen Kaufkraftabfluss von etwa elf Millionen Euro im Jahr. Der Mittelwert der Kaufkraft liegt bei 100. Wir liegen bei gut 108. Potenzial ist also da. Unsere Veranstaltungen, die wir machen, sollen als Anker für verkaufsoffene Sonntage dienen. Dann könnten wir den Kunden auch Shuttledienste anbieten.

Aber was hält die Leute denn davon ab, zum Beispiel in Jügesheim mehr einkaufen zu gehen?

Zu allererst brauchen wir Frequenzbringer. Zum Beispiel einen Nahversorger oder einen mittelgroßen Drogeriemarkt auf dem früheren Feuerwehrplatz. Das wäre aber zu einseitig. Deshalb haben wir den Prozess angefangen, bei dem alle Beteiligten miteinander reden. Ob ein einziger Nahversorger reicht, das ist die Frage. Ich meine, es müssten zwischen Kirche und Alter Schule weitere Verkaufsflächen angesiedelt werden, die Kunden anziehen.

Michelle Obama "inkognito" beim Discounter

Ist es dafür nicht fast schon zu spät?

Diese Feststellung muss nicht unbedingt falsch sein. Aber die Zeitdauer bestimmen nicht wir, sondern die Grundbesitzer, Einzelhändler und Kunden. Sie alle können zu einer Beschleunigung der Entscheidung beitragen, indem sie sagen, dass sie das auch tatsächlich wollen. Da muss es ein klares Bekenntnis geben: wollen wir Leben in der Innenstadt oder wollen wir, dass hier alles verödet?

70,1 Prozent der Wählerstimmen in Jügesheim fielen bei der Bürgermeisterwahl auf Sie. Dies war mit das beste Stadtteilergebnis. So groß kann die Ablehnung des von Ihnen und der Rathausmehrheit favorisierten Einkaufskonzepts im Ortskern also nicht sein.

Selbstverständlich freue ich mich über dieses Ergebnis. Besonders, weil das gute Ergebnis über alle Stadtteile hinweg erzielt werden konnte. Ich leite daraus aber nicht ab, dass es eine generelle Zustimmung zu dem Jügesheimer Projekt gibt. Ich lese daraus, dass es eine allgemeine Zustimmung gibt und die Bürger sagen, dass Politik, Verwaltung und Bürgermeister gut zusammenarbeiten. Ich gehe aber nicht so weit zu sagen, dass ich das als grundsätzliche Zustimmung zu einem neuen Innenstadtkonzept verstehe. Diese Idee wurde übrigens von einem ganz anderen, nämlich 1986 von einem meiner Amtsvorgänger, formuliert. Der sagte im Zusammenhang mit dem Rathausneubau: Jügesheim muss das Zentrum von Rodgau werden. Das habe ich nie so gesagt. Mir geht es schon immer nur erst einmal um die Innenstadtentwicklung in Jügesheim.

Gegner der Zentrums-Idee führen die zu erwartenden Verkehrsprobleme an. Wie könnte eine Lösung aussehen?

Sehen wir uns mal an, wo wir herkommen. Wir haben hier die B 45 alt durch Jügesheim laufen. Wir haben hier also schon ganz andere Kaliber durchfahren sehen. Heute sind es täglich 8 000 Fahrzeuge auf der Ludwigstraße. Das ist eine ganze Menge. Vor einigen Wochen, während der Sperrung der Ludwigstraße wegen der Kanalbauarbeiten, konnte man allerdings beobachten, dass der Verkehr signifikant weniger wurde. Offensichtlich hat man da das getan, was man immer tun sollte, nämlich die Umgehungsstraße zu nutzen. Auch war die Zahl der an der Straße geparkten Autos denkbar klein. Ich will nicht sagen, dies sei das Rezept für die Zukunft. Aber klar ist: Wir müssen den Quell- und Zielverkehr gut bedienen und den Durchgangsverkehr draußen halten.

Quelle: op-online.de

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