Die Schule wird ihr fehlen

Direktorin Andrea Haus verlässt die Heinrich-Böll-Schule

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Heute räumt Andrea Haus ihren Schreibtisch. Seit 2005 war sie Direktorin der Heinrich-Böll-Schule in Nieder-Roden.

Rodgau - Nach 38 Jahren im Schuldienst geht die Leiterin der Heinrich-Böll-Schule (HBS), Andrea Haus (62), zum 31. Januar in Pension. Verabschiedet wird sie heute Morgen ab 11 Uhr in einer Feierstunde. Die Nachfolge ist derzeit noch nicht geregelt. Redaktionsleiter Bernhard Pelka sprach mit Andrea Haus.

Was war Ihnen das Wichtigste in ihrer Schulkarriere? 

Die Schüler! Und Chancengleichheit, soziale Integration und individuelles Lernen. Das sind unsere pädagogischen Leitlinien. Ich versuche, Schüler ganzheitlich zu sehen. Ziel ist es, dass jeder Schüler und jede Schülerin in den sechs Jahren auf unserer Schule sein größtmögliches Potenzial entfalten kann.

Was heißt das denn? 

Dass wir auf jeden Schüler einzeln eingehen und dessen individuelle Stärken fördern. Wir vermitteln nicht nur eine solide fachliche Grundbildung, sondern befähigen sie auch, ihr Lernen und Arbeiten immer selbstständiger zu organisieren und in die eigenen Hände zu nehmen. An die Stelle früher Einordnung nach Schulform und angestrebtem Abschluss setzen wir ein Konzept allmählich zunehmender leistungsbezogener Differenzierung in einzelnen Fächern.

Dann halten Sie von Lern- und Leistungsdruck nicht viel?

Es ist ein Irrglaube, dass wirkliches Lernen nur unter Druck zustande komme. Lernen unter Druck unterdrückt die Verantwortungsbereitschaft des Kindes für seine eigenen Lernprozesse und die Chance, Lernen zu lernen. Schüler müssen sich wohl fühlen. Erst dann sind sie in der Lage, ihre ganzen Möglichkeiten zu entfalten.

Dann geht es an der HBS nicht ums sture Pauken? 

Definitiv nicht. Wir sehen Schule nicht als bloße Vermittlungsinstanz von Wissen und Bildung, sondern als Bildungsinstanz, die Persönlichkeitsbildung als ganzheitlichen, individuellen Prozess begreift und diesen fördert. Das Zwischenmenschliche muss stimmen. Das gilt auch für das Miteinander im Kollegium. An der HBS findet verantwortliche Mitgestaltung auf allen Ebenen statt. Die Stimmung im Kollegium ist sehr gut. Ich sah meine Aufgabe als Schulleiterin immer darin, Türen zu öffnen, Spielräume zu erweitern und den Austauschprozess zwischen den vielen Ichs und kleinen Wirs zu organisieren, um ganzheitliche Ansätze zu erringen.

Wie sehr wird Ihnen der Arbeitsalltag fehlen? 

Fehlen wird mir der Arbeitsalltag glaube ich nicht. Aber vermissen werde ich bestimmt vieles: die Schuljahresplanung, Gespräche mit Kollegen, das Unterrichten, die Ferien, die Hektik des Schulalltags, unsere wöchentlichen Dienstbesprechungen. Ich liebe die Unruhe der Schule. Es war mein Traumberuf und ist auch immer mein Traumberuf geblieben. Der Abschied wird mir schwer fallen. Ich blicke auf sehr schöne, erlebnisreiche und für mich persönlich sehr prägende Jahre zurück. Aber natürlich freue ich mich auch auf die Zeit ohne Schule.

Auf was können Sie getrost verzichten? 

Darauf, dass ich Ordnungsmaßnahmen umsetzen musste, wenn Schüler Mist gebaut hatten. Und ich stelle das ein oder andere, was von außen auf Schule zukam in Frage. So fragte ich mich manchmal: Was bringen die ganzen Studien eigentlich? Die einen Wissenschaftler ziehen daraus diese Schlussfolgerungen, die anderen jene. Bei der Vielzahl der Veröffentlichungen, zwischen Pisa, Iglu, Harti, verlor ich manchmal schon den Überblick. Da fehlte mir teilweise die Verbindung zwischen Wissenschaft und Praxis. Und ich könnte auch auf die Schulinspektionen verzichten.

Gibt es Entscheidungen als Schulleiterin, die Sie rückblickend gerne anders getroffen hätten? 

Nein.

Wo sehen Sie Ihre Schule in zehn Jahren? 

Die HBS wird sich weiterhin positiv entwickeln, wird gesellschaftliche Veränderungen aufgreifen und ihre pädagogischen Konzepte anpassen. Sie wird erfolgreiche pädagogische Arbeit mit den Jugendlichen und der dazu nötigen ausgeprägten Portion kreativen Eigensinns und Einfallsreichtum an den Tag legen. Die Lehrer werden engagiert sein und das System der Integrierten Gesamtschule (IGS) offensiv vertreten. Sie wird als IGS bestehen bleiben. Die HBS wird weiterhin nach dem pädagogischen Elementarprinzip „Lehren und Lernen ist immer Beziehungsarbeit zwischen Menschen“ agieren. Sie wird eine Schule sein, die fördert und fordert, nicht aber Auslese betreibt.

Kann das mit der Lehrerbelastung so weiter gehen oder sind nicht längst Grenzen überschritten? 

Die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte in Hessen ist bundesweit weiterhin ganz oben. Wir brauchen dringend mehr Ressourcen und Unterstützung im Rahmen des Unterrichts für die inklusive Beschulung, mehr Förderstunden für Seiteneinsteiger, eine Reduzierung der Pflichtstundenzahl und mehr Entlastungsstunden für Sonderaufgaben.

Warum hat die HBS immer noch ein Imageproblem? 

Das ist ganz einfach. Wir sind eine Integrierte Gesamtschule. Würden wir uns Gymnasium nennen und weiterhin nach unseren pädagogischen Konzepten arbeiten, wäre die Akzeptanz in der Bevölkerung besser. Irgendwie vertrauen uns manche Eltern nicht. Es ist doch markant, dass wir keine Schüler verlieren, aber ständig Anfragen von anderen Schulen haben, um Schüler von dort aufzunehmen. Aufgrund unserer pädagogischen Konzepte sorgen wir dafür, dass viele unserer Schüler die Berechtigung zum Besuch der gymnasialen Oberstufe oder der Fachoberschule erwerben. Im Schuljahr 2014/2015 verließen 67 Prozent unserer Schüler die HBS mit der Qualifikation zum Besuch der gymnasialen Oberstufe oder der Fachoberschule. Unser Output ist immer besser als unser Input.

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Quelle: op-online.de

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