Mut zum Weinen und Loslassen

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Ben, Alicia, Tim, Moritz und Elisa aus der Klasse 3a der Gartenstadtschule zeigen ihre Bilder zum Thema Traurigsein. Hinter den Kindern stehen die Lehrerinnen Petra Kriegsmann und Jutta Hürtgen sowie die Mitarbeiter/innen des ambulanten Hospizdienstes.

Nieder-Roden - Sterben, Tod und Trauer gehören auch für Kinder zum Leben dazu. Eine ganze Woche lang beschäftigte sich die Klasse 3 a der Gartenstadtschule mit dem Grenzbereich des Lebens - und mit dem, was danach kommt. Von Ekkehard Wolf 

Das Projekt „Hospiz macht Schule“ bot einen geschützten Rahmen, in dem die 22 Kinder auf jede Frage eine Antwort bekamen. Bunte Tücher sind zu einem Kreis geknüpft. Die Kinder nehmen sie in die Hände und reichen sie im Kreis weiter, wenn sie ihr Gute-Morgen-Lied und ihr Abschiedslied singen: „Der Himmel geht über allen auf.“ Jedes einzelne Kind wird in diesem Lied mit seinem Vornamen genannt, steht für einen Moment im Mittelpunkt und weiß sich in der Gemeinschaft geborgen. Vier von fünf Kindern haben bereits Erfahrung mit dem Tod gemacht - in der Verwandtschaft, im Bekanntenkreis oder bei einem Haustier. „Unsere Katze ist in den Ferien gestorben“, berichtet eines der Kinder. Ein Mitschüler berichtet: „Mein Opa ist mit 58 Jahren gestorben. Da war ich noch nicht auf der Welt. Aber wenn ich meine Oma besuche, sehe ich viele Bilder von ihm. Da ist er fröhlich.“

Sechs Erwachsene vom ambulanten Hospiz- und Palliativdienst arbeiten eine Woche lang mit den Drittklässlern. Fünf Ehrenamtliche unterstützen Projektleiter Winfried Schoßer: Otto Fuchs, Heike Griem, Sieglinde Hühne-Bonifer, Tanja Schoßer und Doris Siepmann. Einfühlsam nähern sie sich dem Themenfeld - vom Werden und Vergehen in der Natur über Krankheit und Leid, Sterben und Tod bis zu dem, was die Menschen trösten kann. Am vierten Tag malen die Kinder mit kräftigen Farben Bilder über das Traurigsein. Elisa entscheidet sich für ein plakatives Motiv: ein weinendes Gesicht mit blauen Tränen vor großen Farbflächen in Schwarz und Blau. „Schwarz für die Trauer, Blau für die Hoffnung.“

Nach fünf Vormittagen haben die Kinder nicht nur gelernt, was ein Bestatter tut und warum Friedhöfe traditionell von Mauern umgeben sind. Manche Äußerungen lassen eine Weisheit erahnen, die man von Neunjährigen nicht unbedingt erwartet. So sagt Elisa, dass man einen Gestorbenen auch innerlich loslassen muss. Moritz weiß, „dass man ein Stück Trauer abwerfen kann, wenn man weint“. Elisa ergänzt, „dass man sich auch trauen muss zu weinen“. Ben verbindet mit dem Tod die Hoffnung auf ein Jenseits, deshalb sagt er, „dass man nicht so traurig sein muss, wenn jemand gestorben ist“. Tim sieht den Tod als Teil des ewigen Kreislaufs vom Werden und Vergehen an: „Der Mensch, der gestorben ist, kommt nie wieder zurück. Aber es kommt ein neuer auf die Welt.“

Die Eltern reagieren positiv, wie die Schulkinder erzählen. Eine Mutter lobt den Mut ihrer Tochter, die bei dem Projekt mitmacht. Eine andere sagt: „Das muss bestimmt ganz toll sein.“ Ein Vater würdigt, wie viel die Kinder an einem Tag lernen. „Es war eine entspannte, fröhliche Woche“, berichtet Klassenlehrerin Petra Kriegsmann. Beim Elternabend zuvor hätten jedoch viele Eltern ein mulmiges Gefühl gehabt. Diesen Eindruck bestätigt auch ihre Kollegin Jutta Hürtgen: „Es gab Ängste, aber sie wurden erst genommen. (...) Allen war klar: Da findet ein Thema statt, das sonst in eine Ecke gedrängt wird, aber auf den Tisch gehört.“ Einigen Eltern seien Fragen klar geworden, an die sie vorher nicht gedacht hatten. Am Ende hätten sich viele gewünscht, während der Woche in der Klasse Mäuschen spielen zu dürfen.

Hospizdienst-Koordinator Winfried Schoßer berichtet von einer Mutter, die sich während des Elternabends an ihre Nachbarin wandte: „Da hatten wir diesen Trauerfall in der Familie - und dann kamst du mit dem Erdbeerkuchen.“ Für die Nachbarin, die aus Afghanistan stammt, sei das eine selbstverständliche Geste gewesen: In ihrer Heimat würden trauernde Familien vier Tage lang von den Nachbarn mit Essen versorgt.

Quelle: op-online.de

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