Missverständnisse beim Haltbarkeitsdatum

Brauchen wir eine „intelligente Verpackung“?

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Renate Haller findet eine Reform beim Haltbarkeitsdatum überflüssig. Das alte System habe sich bewährt.

Rodgau - Pro Kopf und Jahr werfen die Bundesbürger 82 Kilogramm unverdorbene Lebensmittel weg. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) macht dafür auch Missverständnisse beim Haltbarkeitssdatum verantwortlich.

Er möchte deshalb per EU-Verordnung ein Ampel-System auf Verpackungen einführen. Was halten der Handel und die Verbraucher von dieser Idee? Was will Schmidt? Er plädiert dafür, Verpackungen mit einem Chip auszustatten. Die Technik soll dann das Produkt in der „intelligenten Verpackung“ überwachen und mit einer Ampel anzeigen, wie lange es noch genießbar ist: Rot, Gelb, Grün. Eine Reform des Mindesthaltbarkeitsdatums brauchen wir nicht. Diese Position vertritt Renate Haller, Inhaberin des gleichnamigen Bioladens in Jügesheim. „Es funktioniert doch prima“, meint die erfahrene Geschäftsfrau. Das Mindesthaltbarkeitsdatum sei als Anhaltspunkt für die Kunden ausreichend. Auch könne man sich auf seine Sinne und seinen gesunden Menschenverstand verlassen, um zu entscheiden, ob ein Produkt noch gut sei, oder nicht: „Wenn es ranzig riecht, dann esse ich es doch nicht mehr. Selbst wenn darauf stehen würde, es wäre noch zwei Jahre haltbar.“ Renate Haller kritisiert das von Minister Schmidt favorisierte Ampelsystem, denn die Farbe Rot wirke sehr brutal auf Kunden: „Rot heißt wirklich Rot – stehenbleiben – weg damit. Das führt meines Erachtens zu Lebensmittelvernichtung. Ich glaube, das können wir uns nicht mehr leisten auf dieser Welt.“

Folgen für ihren Bioladen hätte die „intelligente Verpackung“ aber nicht, vermutet die Lebensmittelexpertin. Ihre Mitarbeiter kontrollieren – je nach Produkt täglich oder in längeren Zeitabständen – die Regale. Dabei wird entschieden, was raus muss. Das würde ein Mitarbeiter aber ebenfalls machen, gäbe es das Ampelsystem. Einen höheren Aufwand erkennt Renate Haller somit nicht.

Auch die REWE Markt GmbH ist für die Beibehaltung des Mindesthaltbarkeitsdatums. Raimund Esser, Leiter der Unternehmenskommunikation: „Das Mindesthaltbarkeitsdatum abzuschaffen, um Lebensmittelverschwendung zu reduzieren, ist aus unserer Sicht nicht zielführend. Der Großteil der Produkte, die verfrüht im Müll landen, haben gar kein Mindesthaltbarkeitsdatum. Dazu gehören beispielsweise frisches Obst und Gemüse. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist aus Gründen der Lebensmittelsicherheit wichtig und dient darüber hinaus für den Verbraucher als Orientierung.“

Die Lidl-Pressestelle betont auf unsere Anfrage zwar, das Unternehme stehe Neuerungen „immer offen gegenüber“. Zu politischen Diskussionen und möglichen Entwicklungen äußere man sich aber grundsätzlich nicht. Um das Wegwerfen von Lebensmitteln zu vermeiden, biete Lidl Artikel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum in Kürze erreicht wird, zu einem deutlich reduzierten Preis an. „Waren, die noch verzehrfähig sind aber möglicherweise leichte Mängel aufweisen, geben wir kostenlos an die Tafeln ab“, lässt Sprecherin Isabel Lehmann wissen.

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Ähnlich hält es Renate Haller in ihrem Bioladen. Sofern Ware bald abläuft, klebt sie ein rotes Etikett mit dem Schriftzug „Sonderpreis“ an das Produkt. Auf wenig Gegenliebe stößt Minister Schmidts Idee bei der Industrie. Verpackungsspezialisten wie zum Beispiel die Seufert GmbH in Hainhausen stünden bei der Produktion der „intelligenten Verpackung“ vor großen Herausforderungen. Geschäftsführer Thomas Pfaff begegnet Schmidts Vorstoß deshalb „äußerst kritisch“, wie er sagt. Technisch sei diese Lösung nur mit großem Aufwand machbar. Kunden wären aus Pfaffs Sicht nicht bereit, dies zu bezahlen. Überdies hält der Geschäftsmann das Mindesthaltbarkeitsdatum in seiner bisherigen Form für absolut ausreichend.

Ähnlich argumentiert Günter Berz-List. Der Vorstand der Schwälbchen Molkerei AG bei Frankfurt hält es für überflüssig, am bewährten System zu rütteln. „Generationen von Kunden“ hätten den Umgang mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum verinnerlicht. Es reiche als Orientierungshilfe beim Einkauf absolut aus. Die „intelligente Verpackung“ sei zwar eine passable Idee, nicht aber für Frischeprodukte, von denen pro Tag bis zu 800.000 Einheiten die Schwälbchen Molkerei verlassen.

Einen Chip an einem einzelnen Joghurtbecher oder einer einzelnen Milchtüte zur Überwachung anzubringen, sei technisch kaum machbar. Für große Umverpackungen von ganzen Gebinden sei dies vielleicht schon eher zu leisten. Dann aber auch nur unter erheblichem finanziellen Aufwand.

bp/lrv

Quelle: op-online.de

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