Richard Wenzel gibt Einhorn-Apotheke ab

Vom Pillendreher zum Berater

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Richard Wenzel und seine Frau Brigitte übergeben die Einhorn-Apotheke an Silke Hoppe-Schmidgall. Die Inhaberin der Sonnen-Apotheke hat wiederum die bereits in der Einhorn-Apotheke tätige Gesine Haake mit der Leitung des Geschäfts beauftragt (von links).

Dudenhofen - Vor allem den Kontakt zu den Menschen und dass Gefühl, manchem seiner Kunden geholfen haben zu können, schätzt Richard Wenzel an seinem Beruf. Doch jetzt hängt er seinen Apothekerkittel endgültig an den Nagel. Von Simone Weil

Immerhin hat er 50 Berufsjahre auf dem Buckel, davon hat er 36 Jahre lang die eigene Apotheke im denkmalgeschützten Fachwerkhaus in Dudenhofen geleitet. Zum 1. Februar wird Silke Hoppe-Schmidgall die Einhorn-Apotheke samt Personal übernehmen. Die Inhaberin der Sonnen-Apotheke, die nur ein paar Schritte entfernt ihren Standort hat, wird so gewährleisten, dass sich für die Stammkundschaft wenig ändert: Sie werden mit Ausnahmen von Richard Wenzel und dessen Gattin Brigitte, die als pharmazeutisch-technischen Assistentin gearbeitet hat, von den bekannten Mitarbeiterinnen bedient.

Der 68-Jährige weiß deswegen seine Kundschaft, die mit ihm älter geworden ist, in guten Händen. Sein Sohn hatte kein Interesse, den Betrieb zu übernehmen: Er arbeitet als Arzt an der Berliner Charité. In einem halben Jahrhundert, auf das Richard Wenzel in seinem Beruf zurückblicken kann, hat sich viel verändert, Die Ausbildung hat sich seitdem gewandelt, aber auch die Anforderungen an den Apotheker: „Ich habe am Anfang noch Pillen gedreht“, erinnert sich der Inhaber der Einhorn-Apotheke.

Die gleichmäßig runde Form war immer schwer herzustellen. Weil es sich aber um ein Herzpräparat aus der giftigen Fingerhutpflanze (Digitalis) handelte, sollten die Größe und der damit verabreichte Inhalt möglichst gleich sein. „Im Unterschied zu Baldrian-Pillen kam es dabei auf Genauigkeit an“, erzählt Wenzel. Heute werden deutlich weniger Tinkturen und Salben angerührt, selten werden Kapseln mit geringer dosierten Wirkstoffen für Kinder befüllt. Auch der Handel mit Blüten oder Blättern für Gesundheitstees hat merklich nachgelassen: „Das waren bestimmt mal 250 verschiedene Produkte“, erinnert sich Wenzel.

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Der gebürtige Seligenstädter hat in Berlin studiert und zunächst an verschiedenen Stationen als Apotheker gearbeitet, bis er sich 1980 im damals noch deutlich dörflicheren Dudenhofen selbstständig machte. Was er an seinem Beruf schätzt? „Wir sind die niedrige Schwelle vor dem Arzt und wir bieten Orientierungshilfe, wenn zum Beispiel junge Leute fragen, zu welchem Arzt sie überhaupt gehen sollen“, sagt der Apotheker. Die Beratung sei nicht immer kostendeckend, gehöre für ihn aber dazu. Ebenso ist es dem Geschäftsmann wichtig, seiner Kundschaft erschwingliche Medikamente herauszusuchen. Schließlich hat er einen Eindruck gewonnen von den Lebensumständen vieler Patienten, weil er hin und wieder mal Arzneien ausgeliefert hat.

Den Online-Handel bekommt das Geschäft deutlich zu spüren: Richard Wenzel wünscht sich, dass die Kundschaft die persönliche Beratung annimmt, zu schätzen weiß und nicht nur auf der Suche nach preiswerteren Produkten ist: „Wir sind nicht nur Zeitungslieferanten“, sagt er. Der Geiz-ist-geil-Mentalität erteilt der Experte für Arzneimittel eine Absage: „Das kann keine Einbahnstraße sein. Es wird ja auch erwartet, dass wir Notdienste machen. Dann kriegen die Leute vor Feiertagen plötzlich Angst, dass sie ihre Medikamente nicht mehr per Internet kriegen und dann sollen wir alles vorrätig haben.“ Der Apotheker ist froh, dass nun sein Kopf frei wird für andere Dinge: Der große Garten wird ihn beschäftigen, außerdem liebt er das Radfahren. Dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu), dem er bereits angehört, will er Zeit widmen und ein Kurs an der Volkshochschule wird sich auch noch finden. Außerdem wollen Gattin Brigitte und er weitere Regionen in Deutschland und Österreich entdecken.

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Quelle: op-online.de

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