Pfarrer Blanco Wißmann über einen zentralen Begriff der Theologie

„Erlösung heißt Aufbruch“

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Pfarrer Dr. Felipe Blanco Wißmann betreut zusammen mit seiner Frau Yvonne seit sieben Jahren die Evangelische Kirchengemeinde Nieder-Roden. Sein Credo: Erlösung geschieht nur dort, wo ich selbst mich verändere.

Erlösung ist ein zentraler Begriff der Theologie. Wir sprachen darüber mit dem evangelischen Pfarrer Dr. Felipe Blanco Wißmann. Der 39-Jährige betreut seit sieben Jahren zusammen mit seiner Frau Yvonne die Gemeinde im Rodgauer Stadtteil Nieder-Roden. Von Bernhard Pelka

Was verbirgt sich hinter dem Wunsch nach Erlösung, der uns im christlichen Glauben in vielen Gebeten und Liedtexten so oft begegnet? Geht es hierbei um mehr als nur ums Beschützt- und Behütetsein?

Schutz und das Beschütztsein sind religiös eher verbunden mit dem Begriff des Segens. Also mit der Hoffnung darauf, dass Gott mit uns durchs Leben geht. Erlöstsein ist nochmal etwas anderes. Das zielt auf eine grundsätzliche Änderung hin und setzt voraus, dass etwas nicht stimmt und anders sein sollte, als es ist. Erlösung braucht also die Erkenntnis, dass da etwas negativ ist, was geändert werden muss.

Trotzdem scheint Erlösung doch eher etwas Passives zu sein. Ich werde erlöst. Spricht aus dem Wunsch nach Erlösung nicht sogar die Hoffnung, aus Bequemlichkeit Verantwortung abladen zu können? Ganz nach dem Motto: Ein anderer wird’s schon richten. Sollte der Mensch sein Schicksal aber nicht besser selbst in die Hand nehmen?

Das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, darf nicht automatisch als die tolle Alternative dargestellt und groß gemacht werden. Gerade wenn man sich anschaut, was die großen Ideologien des 20. Jahrhunderts für Opfer gekostet haben, als viele Menschen abseits der Religion für Erlösung und ein vermeintliches Gutwerden der ganzen Welt gekämpft haben. Die Frage ist doch: Ist Erlösung wirklich passiv? In der Bibel kommt Erlösung zunächst einmal vom Begriff der Befreiung her. Die Bibel liefert uns dazu das Urbild: die Befreiung von der Sklaverei in Ägypten. Dabei ist für Passivität absolut kein Platz. Im Gegenteil. Die Leute müssen aufbrechen und mit Mose mitgehen ins verheißene Land. Passivität steht Erlösung also im Wege.

Erlösung heißt Veränderung bei mir selbst?

Sich zurückzulehnen und die Welt Welt sein zu lassen und zu hoffen, dass es einer schon richten wird oder es schon gemacht hat, das kann’s nicht sein. Erlösung zielt im christlichen Sinne immer auf eine Veränderung meines Handelns ab. Dass ich aus der Erlösung heraus für andere eintrete und mich für sie stark mache. In einer Liebesbeziehung ist es doch auch nicht so, dass einer allein alles macht für diese Beziehung und der andere lehnt sich zurück. Liebesbeziehung heißt doch vielmehr, dass der andere mich stärker macht und ich durch die Liebe mehr werde. Ernst Jandl hat das einmal in die schönen Worte gefasst: „Deine Arme halten mehr als ich bin.“

Im weltweit bekanntesten Weihnachtslied heißt es „Christ, der Retter ist da“. Von Rettung und Erlösung kann heute aber wohl nicht die Rede sein. Terror in Paris, Kriegselend in Syrien, Hunger und Vertreibung in Afrika. Werden Erlösung, Rettung und Friede immer Wunschdenken bleiben?

Natürlich kann ich als Pfarrer, wenn ich den Menschen von Erlösung predige, keinen Zaubertrick nennen, dass alles Elend jetzt aufhört, als wenn ein Schalter umgelegt wird. Aber das war ja damals auch so, als die Weihnachtsbotschaft zum ersten Mal verkündet wurde. Die Weihnachtsbotschaft wurde mitten in eine Welt voller Gewalt hinein verkündet, in der das große Römische Imperium die Welt scheinbar beherrschte, aber in der sich die Menschen an den Rändern dieses Imperiums auflehnten und in Unfrieden lebten. Da hinein wurde eine Erlösungsbotschaft verkündet, die sich zunächst unscheinbar in einem kleinen Kind zeigte, die aber auf Größeres abzielte. Insofern hat Erlösung immer mit Freiheit zu tun – also mit etwas hoch Politischem.

Woraus kann die Gemeinde dann trotzdem Mut schöpfen, wenn es die Erlösung schlechthin nicht geben kann?

Navid Kermani hat neulich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. In seiner Rede erzählte er von einem christlichen Kloster in Syrien, das den Dialog und das Zusammenleben mit den Muslimen sucht. Das Kloster ist inzwischen vom IS überfallen worden. Die Menschen dort, Christen und Muslime, sind in höchster Gefahr. Und doch: Dass es so einen Ort überhaupt geben konnte bisher, das ist ein Zeichen dafür, dass die Botschaft von der Erlösung in der Welt immer noch Gutes bedeuten kann. Auch wenn sie stark bedroht ist. Woraus soll man sonst Hoffnung schöpfen? Außerdem: Die Erlösung schlechthin gibt es für die Gläubigen schon. Nur ganz bruchstückhaft sichtbar zwar in der Welt. Aber in der Hoffnung doch schon ganz da: in der Hoffnung, dass der himmlische Friede auf die Erde kommt und sich durchsetzt.

Im Vater unser bitten Christen um Erlösung. Und zwar gleich um Erlösung von allem Übel. Ist das nicht ein bisschen vermessen? Was rechtfertigt in uns Menschen den Optimismus, um so viel bitten zu dürfen - bei allem Unrecht, das von Menschenhand ausgeht?

Das ist schon eine große Bitte. Aber sie steht ja nicht unvermittelt im Vater unser, sondern vorher kommen viele andere Bitten. Man kommt erst zu dieser Bitte, wenn man vorher die anderen Bitten demütig gesprochen hat. Erst wenn ich erkenne, dass auch ich mich selbst ändern muss, komme ich dazu, Gott zu bitten, uns von allem Bösen zu erlösen.

Wann und wo haben Sie sich persönlich schon einmal erlöst gefühlt?

Als ich mein Abiturzeugnis hatte, war ich schon erlöst. Oder als ich zum ersten Mal aus einer Narkose nach einer Operation erwacht bin. Und natürlich wenn an Weihnachten in der Christmette die alten Lieder gesungen werden. Speziell „Ich steh’ an Deiner Krippen hier“ hat für mich große Bedeutung. Da wird für mich christliche Erlösung greifbar.

Quelle: op-online.de

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