Pointiert und auf den Punkt

Zündende Gags bei der Giesemer Fastnachtssitzung

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Jügesheim - Giesem bei Nacht: TGS-Sitzungspräsident Peter Otto führt das Publikum durch eine rauschende Nacht, in der die Sterne am Narrenhimmel funkeln. Auch die schwülen und die dunklen Seiten bleiben nicht ausgespart. Von Ekkehard Wolf 

TGS-Sitzungspräsident Peter Otto

a Giesemer Nächte sind lang. Vom ersten Gongschlag bis zum Finale vergehen fünf Stunden. Dank guter Regie bringt die TGS in dieser Zeit sogar zwei Nummern mehr unter. Dafür wird an anderer Stelle gespart. Statt einem dreifachen „Giesem hellau“ tut’s auch ein einfaches. Orden werden ohne Küsschen im Bündel überreicht. Auch die gefürchteten Präsidentenwitze sind abgespeckt. Das Programm bietet Fastnacht vom Feinsten: witzig und pointiert, auf den Punkt geprobt und fast frei von Längen. Die Akteure beweisen Gespür für zündende Gags. Die wenigen Plattheiten sind so charmant dargeboten, dass sie nicht peinlich wirken.

Als Nachtwächter leuchtet der Gugi (Sebastian Mahr) seinen Giesemern heim. Beim Blick ins Rathaus erblickt er nur Krawall. Die Schuld am Ladensterben im Ort sieht er zum Teil auch bei den Kunden: „Man guckt vor Ort, was man gern hätt’ und kauft es dann im Internet.“ Und die Lieferwagen der Paketdienste verstopfen die Gassen. „In der Nacht“ ist auch das Motto der Tanzgruppe „Mothers on Move“. Sie zeigt noch einmal ihren Schwarzlichttanz von der Eröffnungsgala im November. Einen farbenfrohen Schlusspunkt setzen die Marionetten mit ihrem nächtlichen Hexentanz.

Bei anderen Nummern ist der Bezug zum Fastnachtsmotto schwieriger zu entdecken. Die schwülen Seiten der Nacht zeigt die neue Tanzgruppe „Cupiditas“, deren lateinischer Name nach Begierde und Leidenschaft klingt. Die fünf Mädchen tanzen einen lasziven Stuhltanz. In einer Herrensitzung wären ihnen anerkennende Pfiffe sicher. Viele junge Akteure haben sich einen festen Platz auf der TGS-Bühne erobert. Dazu gehören die Gugisheimer ebenso wie die Singsangmädels. Nacht senkt sich über die Gänsbrüh, wenn die Mädchen zelten. Der Kampf gegen das sperrige Zelt ist ebenso erheiternd wie die Hits mit eigenen Texten.

Auch die Songs von Sven Stripling hat man so noch nie gehört. Passend zum Motto „In der Nacht“ blickt er mit umgetexteten Hits in die dunklen Ecken der Gesellschaft - mit ätzendem Sarkasmus, der auch mal weh tut. Mit politischen Spitzen brilliert Sönke Herzog bei den Nachrichten im Nachtprogramm. Vor seinen Bonmots ist niemand sicher. In rasantem Tempo geht es um TTIP, Flüchtlinge, den Klimagipfel von Paris, um AfD und Pegida, um Donald Trump und immer wieder um Angela Merkel. Gelächter im Saal, als er den bayerischen Ministerpräsidenten unter „Auslandsnachrichten“ erwähnt. Dreimal muss er ansetzen, bevor er den Gag ungestört aussprechen kann.

Der Kontrast dazu ist „Rickys Popsofa“, ein herrlicher Klamauk mit Stars wie Howard Carpendale und Herbert Grönemeyer. Auch mit der Partnersuche per Internet kann man sich den Abend vertreiben. Parship schlägt Kandidaten wie Roberto Blanco, DJ Ötzi, Sepp Blatter und Helene Fischer vor - alle verkörpert von den Kehlewetzern des AGV Sängerkranz. Die Abgründe von Facebook beleuchtet Julien Grimm. Inmitten der Flut des Belanglosen entdeckt er Eitelkeit, Gemeinheit und Hetze. Als Till hält Stefan Schmidt dem Narrenvolk den Spiegel vor. Er spricht von Kriegsflüchtlingen und der Sehnsucht nach Frieden; von globalen Konzernen auf der Flucht vor Steuerbehörden, von Spitzengehältern im Fußballzirkus und der ehrenamtlichen Basisarbeit in den Vereinen. Und stets kehrt er zu dem Wahlspruch zurück, den sich Bob der Baumeister mit Angela Merkel teilt: „Wir schaffen das.“

Bilder: Galasitzung der TGS Jügesheim

Auch mit reduziertem Personal bieten die Fastnachter ein volles Programm. „En Haufe Leut“ wird zur Solonummer für Claudia Wenhardt und statt drei Bienen tun’s zwei Maulwürfe: Katja Schweppe und Tanja Rossbach lassen die Gags nur so sprühen und ernten dafür die verdiente Rakete. Raketenstark ist der akrobatische Tanz der Gruppe „Taktlos“. Als funkelnde Sterne am Narrenhimmel strahlen die Tänzerinnen der Prinzengarde und Solotänzerin Franziska Mahr. Die Musiker von Zweiklang und Prost heizen die gute Laune an. Über allem thront ein Prinzenpaar, das sichtlich Spaß am Geschehen hat.

Quelle: op-online.de

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