Loblieder auf die Hippiezeit

Narren der TG Hainhausen erinnern an Flower Power

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Flower Power in Hainhausen: das bunte Finale nach vier Stunden TGH-Fastnacht. Bild links: die Baba Boys.

Hainhausen - Woodstock und Hainhausen mögen sonst nicht viel gemeinsam haben. Spätestens seit Samstagabend steht freilich fest: Love and Peace und Flower Power funktionieren hier wie dort.

Rund vier Stunden lang schwelgten über 100 Narren bei der zweiten Sitzung im Clubheim der TGH in 70er-Jahre-Nostalgie und sangen die Hits der Hippie-Zeit. Als Torsten Rudolph seine ersten Asse zückte und sein Publikum in gemütlicher Enge in die Aufwärmrunde schob, konnte sich der sturmerprobte Moderator auf eine ganze Hand voll Trümpfe verlassen. TGH-Fastnachter punkten weniger mit aufwendiger Optik als mit Ideen, Stimmgewalt und Wortwitz. Nordsee-Urlaub, Schlafprobleme und der Seelenputz beim Psychiater liefern Heinz Stille und Norbert Möller die Munition für ein Pointenfeuerwerk im Zwiegespräch, Marianne Spahn schwadroniert solo als Lebedame und kann ihr volles Gewicht – nicht nur an Lebenserfahrung –- in die Waagschale werfen. Eher spitz als rund setzen Don Camillo und Peppone ihre Zeitzeichen. Feine Ironie wissen Marcel Rupp als polternder Genosse und Michael Weimer, katholischer Priester in dritter Generation, so virtuos zu handhaben wir derben Sarkasmus und Polit-Clownerie. Auch wenn am Ende offen bleibt, ob Sigmar Gabriel nun eher wie Merkels Schlepper-Schlauchboot oder das „fröhlichste Endglied der Nahrungskette“ aussieht.

Ganz andere Probleme treiben Andreas Kraus, mediengeschädigt und schlaflos. „Bei dem, was die im Fernseh’ zeische, sterben ganze Hirnbereische“ – dann doch lieber den E-Book-Reader her, der zur Not auch als Flak-Scheinwerfer bei der Schnakenjagd taugt. Je verzweifelter der Nachtmensch wider Willen, desto dichter fallen teils brillante Rüttelreime und lassen das von Lachsalven gebeutelte Auditorium mindestens so „platt“ zurück wie den Offenbacher Wortartisten. Kein Auge mehr trocken, kein Zwerchfell ohne Muskelkater. Ganz ohne Narrendekor, schlicht im karierten Hemd verdient sich Kraus seine Trampel-, Klatsch- und Pfeifrakete. Auch für die „Giesemer Trottwa-Lersche“ lässt die begeisterte Narrenschar eine steigen. Folkig, ganz nahe am Abendmotto, besingt die Truppe um Gitarrist Andreas Held Giesemer Heimatgefühl, Haahäuser Feierlaune und die Traumfrau aus Duddehowe, der „verbotenen Stadt“. Helene Fischer bleibt nicht atemlos: „Hast du Bock auf Rock, Helene?“ - Hainhausen ist gespannt.

Bilder: Sitzung der TG Hainhausen

Musikalisch noch breiter aufgestellt nehmen Torsten Rudolph, Günther Werner und Günter Feldes als Trio HaWei den Saal in den Griff, Stimmungsschlager wechseln mit Volksmusik und Evergreens in Stichellyrik. Rodgauer Einzelhandels-Irrungen sind da ebenso für ein paar Verse gut wie dreiste Weltkonzerne: „Wie einst Dschingis Khan, nur jetzt im Diesel-Wahn“. Als Torsten Rudolph gegen Mitternacht zum großen Finale winkt, haben die Haahäuser Hippies alle Trümpfe gespielt – zuletzt die Rodau-Elfen mit einem furiosen Flower-Power-Männertanz. Bewegung haben zuvor die TGH-Tanzgarde, die Formation Starlight Dancers vom Fusionspartner SKV und die Baba-Boys mit einer ulkgeladenen Abba-Nummer in den Saal gebracht. Den sportlichen Glanzpunkt setzen Romy Schneider und Tim Deckert als Solo-Gardetanzpaar mit dem Schwung eines deutschen Jugend- und Vize-Europameistertitels. Wie auch immer die Fastnacht im neuen Großverein funktionieren wird – für derlei staunenswerte Einlagen ist sicher auch in künftigen Programmen Platz.

rdk

Quelle: op-online.de

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