Feintäschner Helmut Winter (85)

Handwerker alter Prägung

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Feintäschner Helmut Winter (rechts, sitzend) zeigte im Heimatmuseum Jügesheim alte Handwerkstechniken und kam mit vielen Besuchern ins Fachsimpeln. Der 85-Jährige ist Zeuge einer großen Rodgauer Lederwarenvergangenheit.

Jügesheim - In seiner Werkstatt zuhause stellt Helmut Winter immer noch leidenschaftlich gern Taschen und Portemonnaies her. Oft werden die feinen Unikate dann zum Geburtstagsgeschenk. Jetzt bereicherte der 85-jährige Feintäschner sogar eine Ausstellung im Heimatmuseum. Er zeigte den Gästen alte Handwerkstechniken. 

Gürtel, Geldbörsen, Handtaschen, Schuhe und vieles mehr – Rodgau, und besonders Jügesheim, war bis gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts eine Größe in Sachen Lederverarbeitung. Auch wenn das Handwerk des Portefeuillers/Feintäschners wegen der Produktionsverlagerung ins Ausland in Deutschland selten geworden ist, hat diese Epoche in Rodgau viele Spuren hinterlassen. Umso mehr freute sich Josef Herbert Spahn, Vorsitzender des Heimatvereins Jügesheim, über die tragende Rolle von Helmut Winter bei der Ausstellung im ehemaligen Schwesternhaus.

„Offenbacher Lederwaren“ waren weltweit der Inbegriff für Qualität. Rodgau war durch und durch an diesem Weltruf mit beteiligt. 1969 waren ganze 29 Aussteller aus Rodgau auf der Lederwarenmesse in Offenbach eingetragen. Und noch 1978/1979 hatte Rodgau 34 Lederwarenbetriebe zu verzeichnen. Wie viele Berufstätige das Lederwarengewerbe in der Blütezeit allerdings genau ernährte, könne man nicht genau sagen, so Josef Herbert Spahn. Viele Beschäftigte hätten in Heimarbeit den Firmen zugeliefert. Zum Beruf des Feintäschners konnte Helmut Winter aber allerhand erzählen und vorführen. Nur zu gerne zeigte er den neugierigen Besuchern den genauen Umgang mit einem Falzbein, mit dem er das Umschlagen und Verkleben des Leders in gewünschtem Maße möglich machte, oder wie man Leder kunstfertig verziert. Außerdem berichtete er immer wieder im Detail von seinen Anfängen in der Lehre 1945 bei der Firma F. Michaelis Nachfolger, bei der er 36 Jahre arbeitete, ehe er – nach Auflösung der Firma – für 15 Jahre zur Jügesheimer Firma Rupp und Ricker, heute Esquire, wechselte.

Danach – im Ruhestand – hat der leidenschaftliche Feintäschner seine Arbeit nie aufgegeben. Noch immer könne er es nicht lassen, privat mit seinem heiß geliebten Leder Taschen, Gürtel und Sonstiges zu produzieren, auch wenn er freilich noch nie etwas davon verkauft habe. „Ich mache das aus Leidenschaft, auch wenn ich das ursprünglich gar nicht lernen wollte. Ich wollte Tierarzt werden, doch die Lederwarenbranche war damals eben eine mit Zukunft und deswegen habe ich mich so entschieden. Seitdem lässt es mich nicht mehr los.“

Dass man als Feintäschner sein Arbeitsmaterial wirklich lieb gewinnt und das Leder schätzen lernt, konnten auch alle anderen vom Fach, die als Besucher in die Ausstellung gekommen waren, nur bestätigen. „Wenn ich Leder berühre, überkommt mich immer ein Gefühl der Wonne. Es ist warm und angenehm, es ist, als würde man spüren, dass das Leder lebendig ist“, schwärmte zum Beispiel Kurt Wolf aus Weiskirchen. Er arbeitete ehemals für die Firma Bonifer in Jügesheim.

Bei so vielen Besuchern vom Fach blieb freilich mit der Zeit das Fachsimpeln nicht aus, und so kam Helmut Winter letztlich kaum noch zu Vorführungen, wurde er doch ständig in ein Fachgespräch verwickelt. Doch auch diesen Fachgesprächen könne man als normaler Zuhörer eine Menge entnehmen, versicherte der Vorsitzende des Heimatvereins: „Lauscht man etwas bei den Profis, erfährt man doch immer etwas, was man noch nicht wusste. Genauso wie ich nicht ohne einen Kugelschreiber aus dem Haus gehe, gehe so mancher Feintäschner beispielsweise nicht ohne sein Falzbein aus dem Haus. Daran erkennt man doch, welche Leidenschaft viele in diesem Beruf entwickelt haben.“ Umso bedauerlicher sei es, dass dieses alte, manuelle Handwerk, das Fingerspitzengefühl, Präzision und Zeit erfordert, heutzutage schon fast ausgestorben sei.

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„Das Handwerk von damals ist trotz seiner Qualität und der Haltbarkeit seiner Produkte der Beschleunigung der Wirtschaft erlegen“, bedauerten Helmut Winter und Josef Herbert Spahn. „Fließbandproduktionen gehen eben schneller. Genauso wie man heute schnell ein Foto schießt, will man etwas festhalten. Damals musste es zu großen Teilen sogar noch gezeichnet werden“, schilderte Spahn mit einem Fingerzeig auf einen Katalog zur Lederwarenmesse aus dem Jahr 1955, der komplett von einem Zeichner gestaltet worden war. Handarbeit durch und durch. (sjs)

Quelle: op-online.de

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