Seit Oktober wird geprobt

Flüchtlinge spielen Oper in Frankfurt

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Loay (rechts) und Studenten bei den Proben in Frankfurt.

Rodgau - Märchen trifft auf Zeitgeschehen: Ein Musiktheaterprojekt des Frankfurter Kunst- und Kulturvereins „Art-Q“ erweitert die Geschichte von Hänsel und Gretel um traumatische Erfahrungen von Flüchtlingen. Von Bernhard Pelka 

Auch Asylbewerber aus Rodgau wirken mit bei der Oper „Hänsel, Gretel, Du & Ich“. „Alles Terroristen.“ „Wir haben keine Arbeit und die kriegen alles.“ Die auf der Bühne ausgesprochenen Vorurteile über Flüchtlinge werden zwar im Flüsterton gezischelt. Ihre vergiftende Wirkung ist deshalb aber nicht weniger gering. Die Oper „Hänsel, Gretel, Du & Ich“ spiegelt Hoffnungen und Ängste von Asylbewerbern und Deutschen ebenso wie ausländerfeindliche Hetze. Bei den Proben dabei sind seit vergangenen Herbst die Iraker Alaa Mahmoud Yousef und Loay Al-Suraj. Die beiden leben nach ihrer Flucht aus dem Heimatland seit neun und sechs Monaten in Rodgau; Alaa in der Gemeinschaftsunterkunft in Nieder-Roden, Loay in Dudenhofen. Über die Türkei, Griechenland, die Balkanroute und Österreich gelangten sie auf nach Deutschland. Hätte die Griechische Marine die wegen ihrer Religion verfolgten Männer nicht aus dem Meer gefischt, als ihre Elendsboote sanken, wären sie heute wohl nicht mehr am Leben, an dem sie im Moment so viel Spaß haben.

Studierende der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt und des Studiengangs Soziale Arbeit der Frankfurt University of Applied Sciences treffen bei der Oper auf junge Menschen, die nach Deutschland geflohen sind. Nach der Vorlage von Humperdincks „Hänsel und Gretel“ geschrieben, komponieren und inszenieren die 50 Frauen und Männer unter der Leitung der Frankfurter Künstler Maja Wolff, Timo Becker und Charlotte Armah ihre ganz eigene Oper: „Hänsel, Gretel, Du und Ich. Eine Oper auf der Flucht.“ Seit Oktober 2015 bringen drei Arbeitsgruppen in Musik, Theater und Tanz ihre Erfahrungen in einem künstlerischen Prozess zum Ausdruck. Die Bühne wird zum Reflexionsraum für die Auseinandersetzung mit aktuellen Themen wie Transit, politische Verfolgung und Angst – nicht nur für die Teilnehmenden, sondern auch für das Publikum. Klassische Tanzstile mischen sich mit modernen Elementen wie etwa Body Percussion.

Mischung aus Deutsch und Englisch

„Das Theater gibt mir Energie“, beschreibt Alaa seine Gefühle während der Proben. Der 28-jährige studierte in Bagdad Elektrotechnik, arbeitete zuletzt aber als Sozialarbeiter in einer großen Organisation. Im Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten wäre er fast umzukommen. „Sie haben auf mich geschossen.“ In einer Mischung aus Deutsch und Englisch erzählt er, die Hilfsorganisation sei Ziel einer mafiösen Verbrecherbande aus Politikerkreisen geworden, die alle Mitarbeiter mit dem Tod bedroht hätten. Ums Leben ging es auch für Loay. Schiitisches Militär wollte ihn in den Krieg gegen die Terroristen des Islamischen Staats zwingen. Und das wohl als Kanonenfutter: „Ausgebildet sollten wir vorher nicht werden“, sagt der junge Mann in gebrochenem Deutsch. In der Stadt Dyala studierte der 22-Jährige vor seiner Flucht Schauspiel an einer Hochschule für bildende Kunst. Seine im Irak verfolgte Familie musste er zurücklassen.

Unterstützung von allen Seiten

Zum Theaterspiel in Frankfurt kam er durch Kontakte der Rodgauer Flüchtlingsbetreuerin Gordana Vragolic. Sie arbeitet für die Caritas und kennt die Künstlerin Charlotte Armah, die das Opernprojekt mit betreut. „Es ist toll, dabei zu sein“, freut sich Loay. „Wir haben so viel Zeit und dürfen nicht arbeiten.“ Anschluss gefunden haben die jungen Männer aber nicht nur im Theater, sondern auch in ihrer derzeitigen Heimat Rodgau. Große Unterstützung erfahren sie zum Beispiel von Birgit Bokel und ihrem Lebensgefährten Henry Dahlke vom Rodgauer Flüchtlingsnetzwerk. Den beiden sind die jungen Männer aus dem Irak inzwischen so vertraut wie eigene Söhne. Die Hilfe reicht also weit hinaus über die Beschaffung von Kleidung, Möbeln und Fernseher.

Beide Flüchtlinge wollen in Deutschland bleiben und nach Möglichkeit in ihrem gelernten Beruf arbeiten. Und sie haben noch einen weiteren Wunsch. „Etwas zurückgeben von der Hilfe für uns.“

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Quelle: op-online.de

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