Der Freischütz spielt diesmal am Baggersee

Opernbesuch in der Badehose

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Ist das Gewehr echt, vielleicht sogar gefährlich? Der Freischütz kann seine jungen Zuschauer beruhigen.  - Foto: Karin Klemt

Nieder-Roden - Sonne, Sand und hochsommerliche Temperaturen über 30 Grad. Über mehrere hundert Köpfe hinweg schmettern die Sopranistin Romana Noack und Tenor Michael Siemon das berühmte „Victoria“ aus der Freischütz-Ouvertüre, bis zu den schwimmenden Inseln im Badesee trägt der Schall.

Zwar lässt sich die Kultur auch sonst im Strandbad gelegentlich hören und sehen, die klassische Oper indes hat an diesem Donnerstag Premiere. Bei laufendem Badebetrieb. Auch für Désirée Brodka, die als SopransSängerin auch moderiert, und den Violinisten Roman Brncic als Kopf des achtköpfigen Ensembles ist der Auftritt am Badesee eine neue Erfahrung. Mit dem Freischütz tourt die kleine Truppe aktuell durch Nordrhein-Westfalen, neun Aufführungen vorwiegend im Ruhrgebiet stehen Mitte bis Ende August auf dem Plan. In Geldern sangen und spielten die Profi-Musiker vor einigen Tagen in einer Eisenbahn-Unterführung, sonst treten sie meist in Fußgängerzonen und Einkaufszentren auf. Rodgau sei der einzige hessische Abstecher, berichtet Klaus Barhelmes stolz. „Gestern sind sie aus Andernach gekommen, morgen fahren sie weiter nach Düsseldorf“.

Im Verein mit Kulturdezernent Winno Sahm hat Barthelmes, Leiter des Fachdienstes Finanzen im Rodgauer Rathaus, das ungewöhnliche Gastspiel eingefädelt und organisiert. Kultur an ungewöhnlichen Orten, im vergangenen Jahr etwa auf dem Wilhelmsplatz in Offenbach – „das geht auch bei uns“, fand er und fragte bei der Internationalen Kulturstiftung in München an. Dort wird das Projekt „Musik auf Rädern“ seit 2007 geführt. Opern wie „Die Zauberflöte“, „La Traviata“ oder „Carmen“ fanden seither an über 250 Orten bundesweit statt.

Den Freischütz aus der Feder von Carl Maria von Weber, 1821 in Berlin uraufgeführt, präsentieren die Künstler im Strandbad im „Taschenbuchformat“: Die romantische Geschichte um den glücklosen Jägersmann Max (Michael Siemon) und seine Angebetete Agathe (Romana Noack), den gewissenlosen Kaspar (Simon Rudoff) und die gute Seele Ännchen (Désirée Brodka) ist in knapp 100 Minuten durch. Brodka verbindet Arien und Duette als Erzählerin, die Orchesterpartitur ist für Roman Brncic und Martin Schminke (Violinen), Alexander Kiss (Bratsche) und Eglantine Latil (Cello) als Streichquartett arrangiert.

Das Ergebnis kommt an diesem heißen Sommerabend im grellen Licht der sinkenden Sonne hervorragend an. Kräftigen Applaus gibt es nach jeder Szene – nicht nur aus dem Kreis der Opern-Fans im Sandparkett vor der Bühne am Wachgebäude. Mehr und mehr Badegäste schlendern herbei, lassen sich nieder und zeigen sich angetan. „Mal was Neues“, sagt etwa Thomas Golter (52) aus Eppertshausen, „davon kann man mehr machen“.

Bilder: Oper „Freischütz“ am Badesee

Nach einem verregneten Sommer wie diesem komme so eine Attraktion wohl gerade recht. Aleksanara Mitrus (18) aus Heusenstamm findet die Aufführung „echt cool“, hätte aber mit mehr Zuspruch gerechnet: „Im Vergleich zu Samstag oder Sonntag ist eher wenig los“. Vielleicht, ergänzt eine Zuschauerin, „hätte man das mehr bekannt machen sollen“.

Der Oper wegen scheinen die wenigsten gekommen zu sein. Joachim Rühl (52) aus Seligenstadt hat die Sonne gelockt, nun aber folgt er dem Singspiel fasziniert: „Eindrucksvoll, das hier am See im Original zu erleben“. Stadtrat Winno Sahm freut sich vor allem über das junge Publikum: Dicht gedrängt haben sich Kinder vor der Bühne versammelt, schon die Kleinsten sind ganz Ohr. Mit klassischer Oper, meint Sahm, konnten bisher wohl die wenigsten von ihnen etwas anfangen. „Faszinierend, wie konzentriert und geduldig sie zuhören“. (rdk)

Quelle: op-online.de

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