Wie kommt es zum Preisgefüge?

Maingau-Tarif: Gaspreise geben Kunden Rätsel auf

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Auch in dieser Gas-Regelstation der Maingau Energie GmbH in Dudenhofen wird der Brennstoff verteilt.

Rodgau - Die Maingau Energie GmbH (Obertshausen) gehört zu den billigsten Gasversorgern bundesweit. Aber ausgerechnet am Starnberger See – einer noblen Wohngegend – bietet die Maingau das Gas um fast zwei Cent die Kilowattstunde günstiger an als zum Beispiel in Rodgau vor der eigenen Haustür. Von Ekkehard Wolf 

Wie kommt es zu diesem Preisgefüge? Maingau-Kunden am Starnberger See haben es gut. Die Oberbayern bezahlen nur 4,64 Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh) fürs Erdgas. Am Firmensitz in Obertshausen bittet der Gasversorger seine Kunden mit 6,44 ct/kWh zur Kasse. Bei einem Einfamilienhaus mit 18.000 kWh Verbrauch macht der Unterschied 324 Euro im Jahr aus. Mit dem Erdgas der Energieversorgung Offenbach AG (EVO) verhält es ähnlich. Der Monatspreis im EVO-Tarif „Clever“ beträgt für eine 100-Quadratmeterwohnung in Rodgau 110,75 Euro, während in Offenbach dafür 119,67 Euro fällig sind.

Bei der Maingau ist es noch krasser. Eine Tarifgrenze zieht sich sogar mitten durch Rodgau. Nördlich der Kreisquerverbindung bezahlt man 6,44 ct/kWh, südlich davon nur 6,27 pro Kilowattstunde. Vor zwei Jahren hätte man das noch mit unterschiedlichen Netzentgelten erklären können. Jetzt zieht dieses Argument nicht mehr: Seit 2014 ist das Rodgauer Erdgasnetz allein in der Hand der Maingau Energie; davor gehörte das Netz in Dudenhofen und Nieder-Roden zur HSE AG (Darmstadt). Zwischen Rodgau und Rödermark liegt die nächste Preisgrenze. In Ober-Roden ist das Gas fast einen Cent billiger als in Rollwald. Auch in Seligenstadt und Offenbach bezahlen Erdgaskunden der Maingau Energie weniger als am Firmensitz in Obertshausen. Je weiter weg, desto billiger? Ganz so einfach ist es nicht. Auch in der heimischen Region könnten sich die Maingau-Preise sehen lassen, sagt Geschäftsführer Richard Schmitz. Das Unternehmen orientiere sich auch an den Mitbewerbern im Markt.

Komplizierte Preisgestaltung

Die Preisgestaltung ist so kompliziert, dass man sie als Kunde kaum noch verstehen kann. Neben dem Beschaffungspreis spielen viele andere Faktoren mit. Allein das Netzentgelt für die Durchleitung des Gases zum Endkunden macht etwa ein Fünftel des Endpreises aus. Dieses Entgelt ist je nach Netzbetreiber, Ort und verbrauchter Menge unterschiedlich hoch. „Es ist ein extrem komplexes Geschäft geworden“, sagt Maingau-Geschäftsführer Richard Schmitz. Die Kosten für den Gasversorger seien von Kunde zu Kunde unterschiedlich. Die Preise würden nach speziellen Algorithmen berechnet. Allein bei der Maingau Energie gebe es mehrere Millionen mögliche Preiskonstellationen.

Im liberalisierten Energiemarkt muss der Gasversorger darauf achten, was die Konkurrenz macht. Auf Aktionen von Wettbewerbern könne man „postleitzahlenscharf“ reagieren, sagt der Geschäftsführer. Bei der Marktbeobachtung helfen spezielle Dienstleister. „Es ist ein ständiges Wettrennen“, schildert Schmitz: „Wir sind immer vorne dabei, mal mehr, mal weniger.“ Im Kampf um Marktanteile boten die Obertshäuser sogar einen Tarif mit Neukundenbonus an, weil die Internet-Vergleichsportale solche Tarife bevorzugten: „Durch die Voreinstellungen ist man quasi genötigt, einen Bonus anzubieten, um sichtbar zu sein“, so Richard Schmitz. Die Folge: Zeitweise hätten sich 70 bis 80 Prozent der Neukunden für den Tarif entschieden, der ihnen den Anbieterwechsel mit einer Gutschrift versüßte.

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Für den Gasversorger ist ein Neukundenbonus immer ein Risiko, weil er Schnäppchenjäger anlockt. Wenn der Kunde gleich nach einem Jahr kündigt, zahlt das Unternehmen drauf. Seit dem Frühjahr bewirbt die Maingau Energie deshalb verstärkt einen Tarif ohne Mindestlaufzeit, der dennoch einen festen Preis für zwölf Monate garantiert. Aber warum ist das Erdgas in Rodgau teurer als in Berlin oder am Starnberger See? Eine einleuchtende Antwort darauf gibt der Maingau-Chef nicht. Vielleicht hilft ja ein Blick auf den Strommarkt. Bei einer Stichprobe in Kassel, Frankfurt und Darmstadt hat die Verbraucherzentrale Hessen vor wenigen Wochen festgestellt, dass Versorger wie Entega (Darmstadt) und Mainova (Frankfurt) offenbar gezielt in angrenzenden Gebieten mit niedrigeren Preisen um Kunden werben.

Mit ihrer Preispolitik ist die Maingau Energie GmbH unter den Gasversorgern in guter Gesellschaft. Die jüngste Energieanbieterstudie des Vergleichsportals Check 24 hat ergeben, dass sich die Gaspreise je nach Liefergebiet um bis zu 153 Prozent unterscheiden. Spitzenreiter war die Eswe Versorgungs AG in Wiesbaden. Mit dem Wettbewerb und der Marktsituation begründet auch EVO-Sprecher Harald Hofmann die unterschiedlichen Gaspreise seines Arbeitgebers. In ein relativ neues Vertriebsgebiet gehe das Unternehmen mit besonders attraktiven Preisen hinein. Auch sei entscheidend, wem das Netz gehöre, das die EVO nutze. Überdies seien die von der Regulierungsbehörde genehmigten Netzkosten von Region zu Region bundesweit unterschiedlich. „Mehr als die Hälfte des Preises“ sei inzwischen „staatlich reguliert“. Versorger hätten immer weniger Einfluss.

Quelle: op-online.de

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