Große Freude am schönen Klang

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„Wir lieben und leben Weihnachten“, sagt Hedwig Fliesen-Binia.

Jügesheim - Geburtstags- wünsche in Reimform oder Briefe in Versen: Hedwig Fliesen-Binia dichtet für ihr Leben gern. „Es fällt mir leicht“, erzählt sie. Meistens dauert es nicht lang, vielleicht eine halbe Stunde, bis ein Gedicht fertig ist. Von Simone Weil 

Die 84-Jährige muss nicht lange grübeln. Die passenden Worte scheinen sie zu finden und tun sich einfach vor ihr auf. So flatterte ihr aktuelles Werk in die Redaktion, das sich mit der Weihnachtszeit beschäftigt, die so viele Erinnerungen bei der alten Dame auslöst. Leider sieht sie nicht mehr so gut, so dass ihr das Schreiben schwer fällt. Das Malen, eine andere große Liebe der Jügesheimerin, musste sie wegen der nachlassenden Sehkraft bereits aufgeben. Doch sie hofft, dass ihr eine Operation im neuen Jahr etwas Augenlicht zurückgibt.

Die Hobby-Dichterin hat ein bewegtes Leben hinter sich: Seit vielen Jahrzehnten lebt sie in ihrem Elternhaus an der Babenhäuser Straße und stammt aus einer großen Familie. Gezeichnet und gemalt hat die damals noch junge Frau, die ihren eigenen Kopf hatte, an der Meisterschule in Offenbach und der Frankfurter Städelschule in den Jahren 1946 bis 1949. Doch weil die Ausbildung Geld kostete, blieb ihr trotz Begabung und Leidenschaft fürs Künstlerische nichts anderes übrig, als sich einen anderen Beruf zu suchen: Hedwig Fliesen-Binia verlegte sich aufs Thema Dekoration, bemalte Keramik und legte Mosaiksteine zu Mustern. „Es gab so wenig Möglichkeiten nach dem Krieg, eine Ausbildung zu machen“, erinnert sich die alte Dame.

Von Sprache begeistert hat sie immer gern gelesen: Der umfangreiche Wortschatz kommt ihr beim Dichten entgegen. Umso leichter entstehen Texte. Übrigens reimt sie gerne vorm Zubettgehen. Doch auch die Leselust anderer Bücherwürmer stillte sie, in dem sie eine kleine, private Leihbücherei in ihrem Elternhaus ins Leben rief, an die sich heute noch mancher Rodgauer erinnert.

Als Hedwig Fliesen-Binia dieses Geschäft professionalisieren wollte und nach einem geeigneten Laden für eine Leihbücherei suchte, gelangte sie nach Frankfurt-Nied. Dann kam ihr das Schicksal in die Quere: Denn in dem Frankfurter Stadtteil war ein Fischgeschäft zu vermieten. Es war eigentlich ein Missverständnis, doch die Rodgauerin griff zu und machte tatsächlich das Beste aus der Sache: Fast 20 Jahre lang verkaufte sie Fisch und betrieb dieses Unternehmen recht erfolgreich. Trotz anfänglicher großer Skepsis der dortigen Anwohner, die diesem Laden keine besonders lange Lebensdauer prophezeit hatten.

Später arbeitete sie im Verkauf in einem Geschäft am Flughafen. Sie pflegte die Mutter, ihr erster Mann verstarb. Mit ihrem zweiten Mann erfreut sie sich des Lebens und beide genießen gerne die Weihnachtszeit. Viele Menschen beglückt die alte Dame mit ihren persönlichen Briefen in Versform. Auch ihr Rat ist gefragt: „Das hat natürlich auch ein wenig mit der Lebenserfahrung zu tun“, glaubt sie zu wissen.

Quelle: op-online.de

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