Frauenberatungsstelle bei häuslicher Gewalt

Neustart fürs eigene Leben

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Pädagogin Kerstin Strathus (links) und Sozialpädagogin Susanne Knörzer bieten in der Frauenberatungsstelle Jügesheim Hilfe und Unterstützung an. 

Jügesheim - Gewalt gegen Frauen kann viele Formen haben: Sie werden geschlagen und vergewaltigt – vom eigenen Partner, in der eigenen Wohnung. Doch es gibt auch andere Verletzungen, die weh tun und nicht mehr heilen wollen. Die müssen gar nicht körperlich sein. Von Simone Weil 

Beleidigungen und Erniedrigungen beispielsweise. Manchmal werden Frauen vom Partner kontrolliert und verfolgt – per Handy sollen sie permanent erreichbar sein.

Personalausweis versteckt, kein Zugang zum Konto, keine Erlaubnis, Deutschkurs oder Freunde zu besuchen: Dass Männer – übrigens jeden Alters und unterschiedlichster Herkunft – einfallsreich sein können und sich subtile Methoden einfallen lassen, um ihre Partnerinnen zu quälen und zu unterdrücken, hören Kerstin Strathus und Susanne Knörzer oft. „Ich bin manchmal sprachlos, welche Facetten von Gewalt es gibt“, sagt Strathus. In der Jügesheimer Beratungsstelle des Vereins Frauen helfen Frauen Kreis Offenbach, Hochstädter Straße 1, (06106/3111) der auch das Frauenhaus betreibt, stehen die Pädagogin und ihre Kollegin Ratsuchenden vertraulich und kostenlos zur Seite – auch anonym.

Immer geht es den beiden Beraterinnen um die individuelle Situation der Betroffenen. Denn längst nicht jede Frau, die den Weg in die Beratungsstelle findet, will ihren Partner verlassen. Strathus: „Manchmal streuen die Männer auch gezielt falsche Informationen, um die Frauen unter Druck zu setzen. Sie sagen gerne mal: Die nehmen dir dann die Kinder weg.“

Ratsuchende sollen entlastet werden

Der Verein Frauen helfen Frauen versucht, die Ratsuchenden zu entlasten und zu stabilisieren, um ihnen überhaupt erst „einen Perspektivenwechsel möglich zu machen“, wie Susanne Knörzer sagt. Die Sozialpädagogin und Fachberaterin für Psychotraumatologie weiß, dass Frauen ihre Qualen oft nicht als häusliche Gewalt wahrnehmen. „Sie sind in einer zermürbenden Situation zwischen Scham und Schuldgefühlen und schlagen sich mit der Frage herum, ob sie sich trennen oder bleiben sollen.“

Die Beraterinnen informieren über Rechte, rechnen Ansprüche wie Unterhalt, Wohn- und Kindergeld durch. Sie bieten Unterstützung bei Anträgen und im Umgang mit Behörden und vermitteln Kontakte zu Anwälten und Ärzten. Leider ist nach der Trennung nicht immer alles vorbei. „Manchmal geht die Gewaltspirale dann erst los“, sagt Knörzer.

Möglichkeiten, die Frau zu schützen, werden auch besprochen: Weil es das Gewaltschutzgesetz inzwischen hergibt, ist es möglich, dass Frauen mit ihren Kindern in der Familienwohnung bleiben und der Mann die Auflage bekommt, sie zu verlassen oder sich nicht mehr zu nähern. Manchmal ist die Angst der Frau groß, dass der Mann herausfinden könnte, dass sie sich Hilfe sucht. Deswegen ist auch möglich, sich an einem anderen Ort zu treffen. Etwa in Langen. In der Zimmerstraße 3 bietet der Verein eine weitere Anlaufstelle an.

Im Frauenhaus finden sie Zuflucht

Befürchtet ein Gewaltopfer weitere Übergriffe, ist die Betroffene im Frauenhaus am besten aufgehoben – manchmal in einer anderen Stadt oder einem anderen Bundesland. „Die Frauen können das meistens sehr gut einschätzen, was ihrem Partner zuzutrauen ist“, sagt Kerstin Strathus. Und doch sei die Angst vor dem Frauenhaus groß, hat die Pädagogin oft gehört. Denn wenn Kinder betroffen sind, gibt es viele die Bedenken und Vorurteile gegen die Einrichtung: Schließlich soll das Leben für den Nachwuchs möglichst unbeschwert weitergehen, die Kinder sollen die Schule besuchen und Freunde treffen können.

Allerdings sind die Frauen, die sich nicht trennen, weil sie glauben, ihren Töchtern und Söhnen die Familie erhalten zu müssen, auf dem Holzweg: Denn wenn Kinder und Jugendliche direkte oder indirekte Gewalt erleben, hat das häufig Auswirkungen auf deren Entwicklung. Oft wiederholen sie später, was sie in ihrer Familie erlebt haben.

Auch die Nachbetreuung der Gewaltopfer liegt den Mitarbeiterinnen von Frauen helfen Frauen am Herzen: Denn vielen Betroffenen macht es Angst, alleine zu leben und für alles selbst verantwortlich zu sein. Deswegen ist die Anbindung an bekannte Personen wichtig. Die können helfen, eine Brücke in ein anderes Leben zu schlagen. „Wenn so ein Neuanfang klappt, ist das auch eine Belohnung für uns“, finden Strathus und Knörzer.

Quelle: op-online.de

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