Kundgebung zum Erzieher-Streik

Verdi-Mitglieder ziehen von Dudenhofen nach Jügesheim

+
Etwa 400 Streikende aus dem Erziehungs- und Sozialdienst fanden sich gestern vorm Rathaus in Jügesheim ein. 

Jügesheim - Sie sind laut und haben auch noch Spaß am Krach: Mit Trillerpfeifen, Rasseln, Trommeln und Schellenkränzen bestückt, sind die streikenden Verdi-Gewerkschaftsmitglieder im Erziehungs- und Sozialdienst von Dudenhofen nach Jügesheim marschiert. Von Simone Weil 

Vorm Rathaus in Jügesheim ist eine Kundgebung geplant. Der Protestzug trifft ein und im Nu beherrscht Rot den Innenhof des Verwaltungsbaus. Fahnen, Mützen, Buttons, Westen und Schirme in der markanten Farbe bestimmen das Erscheinungsbild der mehrheitlich weiblichen Streikenden. Die Zahl der Teilnehmer der Demonstration schätzt Gerhard Jost-Perizonius, Verdi-Vertrauensleute-Sprecher der Stadt Rodgau, auf etwa 400.

Die Stimmung ist gut, die Gewerkschafter geben sich kämpferisch: „Wir machen weiter“ heißt die Losung. Mit selbst gemalten Plakaten und Accessoires wie Seifenblasenpistolen oder selbst gefertigten und mit Erbsen gefüllten Dosenrasseln heizen die Teilnehmer bei der Kundgebung ordentlich ein. Auf der kleinen Bühne berichtet gerade eine 28-jährige Erzieherin von ihren Erfahrungen: Sie ist wütend. Seit fünf Jahren macht sie den Job und findet, dass zu wenig Zeit für eine individuelle Förderung sei. Die Kinder blieben auf der Strecke. „Wir fördern Kinder und gestalten die Zukunft“, ruft die Erzieherin unter Applaus.

Am Limit der Kräfte

Im Winter habe sie monatelang am Limit ihrer Kräfte gearbeitet, klagt in ihren jungen Jahren bereits über Tinnitus. Die Fachkraft wirft die Frage auf, wo denn die Wertschätzung sichtbar werde. „Erziehungsarbeit ist Existenzarbeit“, sagt sie. Dennoch sei es die mangelnde Anerkennung, die verhindere, dass noch jemand diesen Beruf ergreifen wollte. Auf der Bühne stehen auch Bürgermeister Jürgen Hoffmann (SPD) und Erster Stadtrat Michael Schüßler (FDP). Zunächst bekennt der Verwaltungschef: „Das Streikrecht ist ein Grundrecht und das ist auch gut so.“ Diese Auffassung wird von den Anwesenden laut beklatscht. Doch dann appelliert Hoffmann an die Erzierinnen und hofft auf „ein Mindestmaß an Betreuung“. Dafür wird er von den Verdi-Mitgliedern sofort ausgebuht. Seine Forderung nach Kompromissen wird lautstark abgelehnt.

Rosi Haus, Geschäftsführerin im Verdi-Bezirk Frankfurt am Main und Region, schließlich macht deutlich, dass gerade zu den Eltern der Dialog gesucht werde: „Wir streiken nicht gegen Kinder und Eltern.“ Die Fachkräfte aus Erziehungs- und Sozialdienst seien die A-Klasse in dieser Region und verdienten deswegen auch eine adäquate Bezahlung. „Wer Werte haben will, braucht diese A-Klasse“, ruft die Gewerkschafterin. „Spitzenqualität für einen Hauch Nichts“ dürfe zwar für Dessous gelten, nicht aber für die abhängig Beschäftigten. Sie beendet ihre Rede mit ihrem Lieblingszitat von Bertolt Brecht: „Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren“, ruft die Verdi-Geschäftsführerin.

Bilder: Erzieherinnen demonstrieren in Rodgau

DGB-Vertreter Peter Konrad warnt davor, sich abspeisen zu lassen oder auf falsche Aussagen reinzufallen wie „Es ist doch kein Geld da.“ Dies sei nur in Teilen richtig und gelte höchstens für die Kommunen. Nähme man für jeden der unzähligen Geldtransfers an der Börse auch nur einen Euro, stünde genügend Kapital zu Verfügung.

Quelle: op-online.de

Kommentare