Augenblicke für die Ewigkeit

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Kamelienkonzert in der Gärtnerei Fischer verwöhnt mit fulminantem Bläserklang.

Dudenhofen - Kamelienkonzerte Dudenhofen 2015, ausverkauft! Dann, zu Beginn des atmosphärischen Doppel-Events im Fischer-Gewächshaus: Hiobsbotschaft. Conférencier Heinz Karnbach abwesend: krank. Von Manfred Meyer 

Wer auf die überaus beliebten Moderationen des regionalen Kaisers dieses Genres seit über drei Jahrzehnten zuverlässig bauen kann und ihn dann kurzfristig ersetzen muss, der muss(te) sich etwas echt Gutes einfallen lassen, um diese klaffende Lücke einigermaßen zu schließen - und zwar schnell. Dem Musikverein Dudenhofen (MVD) kam Tobias „Tobi” Kämmerer in den Sinn. Seine Verpflichtung: ein Volltreffer! Kämmerer hatte Karnbachs Fans im Nu und kommunizierte mit ihnen wie er - nur anders, auf seine lockere, witzige Art. Das Publikum bekam viel zu lachen.

Dass er Ahnung von und ein Gespür für Musik hat, bewies er, als er den zweiten Satz des „Konzerts für Bassposaune und Blasorchester” von Derek Bourgeois als seinen Favoriten aus der Hauptprobe des Orchesters ankündigte. Das Adagio molto wurde dann auch der wunderbare Höhepunkt der Kamelien-Abende, kompositorisch wie interpretatorisch: Augenblicke für die Ewigkeit. So etwas gelingt selbst den herausragenden Ausführenden des symphonischen Blasorchesters des Musikvereins Dudenhofen natürlich nicht immer, aber immer wieder, dass sie Darstellungen von Kompositionen so endgültig hinmeißeln, in Stein sozusagen, als wären die Werke von ihnen ersonnen. Gleichsam mustergültige Aushängeschilder der Dudenhöfer – Kandidaten für die imaginäre Opus-magnum-Liste. Darauf stehen schon die ultimativen, umwerfenden MVD-Versionen des „Root Beer Rags” von Billy Joel und „Of Sailors and Whales” von William Francis McBeth. Jetzt kommt Bourgeois hinzu, das komplette dreiteilige Werk, zu dessen überwältigendem Gelingen der virtuose Solist Steffen Zankl entscheidend beitrug.

Er blies wie entfesselt ganz viele Töne rasend schnell – andere mit Bedacht und viel Gefühl. Das ganze Stück wirkte wie ein unterschwelliges Gegeneinander von Solist und Tutti, eingebettet in ein großes, verschleift schwingendes Miteinander. Dies: der ganz besondere Reiz dieser rhythmisch kniffligen, aber keineswegs verkopften Komposition, die auf geradezu wundersame Weise die Hörgewohnheiten eines großen Teils des Auditoriums erweiterte, ohne es zu verschrecken. Das schafft der künstlerische Leiter Rainer Fenchel Jahr für Jahr. Er baut weg vom Mainstream immer auch solch großes Kino ein ins Repertoire. Das soll demgegenüber ja in erster Linie mehr eine ambitionierte Art „Melodien für Millionen”-Programm sein. Die Kamelienkonzerte in der Gärtnerei Fischer sind Frühlingskonzerte in prächtigem Blumen-Ambiente und somit als unterhaltende Serenadenkonzerte angelegt, mit Musik von hohem Wiedererkennungswert. Die lieferten

Fenchel und Orchester reichlich: Operette, Ouvertüre, Johann Strauß, Soundtrack, „Heinzelmännchens Wachtparade” und etwas fürs Herz, „An der Weser” von Gustav Pressel, mit dem Posaunensolisten Steffen Zankl. Anrührende, getragene Musik hatte Fenchel auch vor das fordernde Bourgeois-Konzert gesetzt: Carl Bohms „Still wie die Nacht”, ein Juwel in der Ausführung. Getoppt wurde das noch von Steven Reineckes „Sedona”: praller, kraftvoller Western-Brass, der den Dudenhöfern die Möglichkeit bot, ihre Premium-Klangkultur aufzufächern und voll zum Strahlen zu bringen. Davor war der Beitrag von Roberto Süß und seinem Klarinettenensemble „Süßholz” mehr als lediglich ein Holzbläser-Intermezzo fürs Aufwärmen nach der Pause gewesen. Das Tüpfelchen auf diesem „i” schließlich die Zugabe, ein Tango Nuevo von Astor Piazzolla. Zum Schluss zauberte Rainer Fenchel dann noch ein Ass aus dem Hut, das wohl niemand auf der Rechnung hatte. Eine wahrlich zirzensische Solistenleistung von Xylophonist René Lotz innerhalb von Gustav Peters „Erinnerungen an den Zirkus Renz”. Das wollte nicht nur Tobias Kämmerer als Zugabe gleich nochmal hören, nicht ohne Lotz zu fragen, ob seine Arme diese Hände- und Finger-Artistik nochmal hergäben. Sie taten’s. Es folgten weitere Zugaben. Und das hingerissene Publikum sang und klatschte fröhlich-rhythmisch mit.

Quelle: op-online.de

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