„So ein Chaos muss man ausblenden“

Unfall an Grillhütte: Übung von Ärzten und Sanitätern 

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Die Johanniter-Unfallhilfe hatte die Katastrophenschutzübung im Jügesheimer Wald organisiert. Geprobt wurde auch die Zusammenarbeit mit anderen Hilfsorganisationen wie den Maltesern.

Jügesheim - 60 Sanitäter und mehrere Notärzte trainierten am Samstagmorgen an der Waldfreizeitanlage die Katastrophe. Das Szenario: Die Gasflasche eines Grills explodiert, 18 Gäste der privaten Fete werden schwer, einige sogar lebensgefährlich verletzt. Von Michael Löw

Sechs Minuten sind eine verdammt lange Zeit, wenn Blut aus einem zerfetzten Arm strömt, ein Stück Metall im Bein steckt oder Brandwunden den halben Oberkörper bedecken. Ein paar Opfer schreien, andere liegen reglos auf der Erde, die nächsten laufen planlos im Wald herum. Immerhin hat ein Gast des Grill-Fiaskos noch die Geistesgegenwart, die 112 zu wählen und mitzuteilen, dass es an der „Waldi“ einen Knall und Verletzte gegeben hat. Nach diesem verwaschenen Alarm schickt die Leitstelle einen Rettungswagen der Johanniter-Unfallhilfe (JUH) in den Jügesheimer Wald. Der erfahrene Disponent konnte dem Insidernamen „Waldi“ sofort eine navitaugliche Adresse zuordnen.

In sechs Minuten, also deutlich innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Hilfefrist von zehn Minuten, treffen Rettungsassistentin Sina Reitz und Sanitäter Jan Schneider am Unglücksort ein, dessen Opfer JUH-Bereitschaftsführer Michael Hemrich und die Schminkgruppe des Roten Kreuzes wahrhaft katastrophal in Szene gesetzt haben: Einen explodierender Gasgrill hat etliche Menschen verletzt. Reitz und Schneider stoßen zuerst auf zwei betrunkene junge Frauen, die um Hilfe rufen und auf sie einreden. Sie sehen schnell, dass hier das Chaos herrscht; sich einen Überblick verschaffen und Verstärkung anfordern sind ihre ersten Aufgaben.

„Macht doch was! Die stirbt uns hier, und ihr lauft rum und schreibt auf!“, schreit eine Leichtverletzte die beiden Helfer an, die Opfer für Opfer markieren. Leichtverletzte bekommen ein grünes Klebeband, mittelschwer Verletzte ein gelbes und Schwerverletzte ein rotes. Wie das Mädchen, dessen linke Hand nur noch blutiger Brei ist. So bürokratisch das aussieht, so zynisch das auf Opfer und Zeugen wirkt: Nur so kann effektiv geholfen werden, erläutert Hemrich. Retter, die zuerst eine stark blutende, aber an und für sich harmlose Kopfwunde versorgen, übersehen vielleicht einen Atemstillstand.

Katastrophenschützer üben an Grillhütte

„So ein Chaos muss man ausblenden. Wer am lautesten schreit, hat noch am meisten Luft“, beschreibt Sina Reitz ihre Maxime für die kritischen Minuten, bevor die Rettungsmaschinerie voll anläuft. Diese Zeit heißt im Jargon der Hilfsorganisationen ganz offiziell Chaos. Bei einem Unfall wie im Jügesheimer Wald sind 45 Minuten Chaos laut Hemrich normal. Bereits 30 Minuten nach dem Alarm sind knapp 20 Rettungs-, Notarzt- und Versorgungsfahrzeuge mit rund 60 professionellen und ehrenamtlichen Katastrophenschützern am Unglücksort und versorgen die Verletzten.

Damit die Helfer die Übung mit voller Konzentration angehen, hat Michael Hemrich einige Zwischenfälle eingebaut: Einem nur mittelschwer verletzten Grillfestbesucher bricht beispielsweise der Kreislauf völlig weg - Lebensgefahr, Alarmstufe Rot! Nach knapp einer Stunde sind alle Opfer so weit stabilisiert, dass sie den Unfall überlebt hätten. Wie schlimm eine Grillfete enden kann, macht Michael Hemrichs Schlusswort mehr als deutlich: „In der Realität hätten wir hier drei Rettungshubschrauber gebraucht!“

Quelle: op-online.de

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