In Rodgau und Umgebung

Aufnahmestopp: Arztpraxis muss sogar Babys abweisen 

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Glück gehabt: Rodgauer Eltern haben es schwer, einen Kinderarzt zu finden.

Rodgau - Auf der Suche nach einem Kinderarzt erhalten Eltern eine Absage nach der anderen. Die Praxen sind randvoll und nehmen keine neuen Patienten an. Besonders krass ist die Lage bei Dr. Andreas Hinkel in Nieder-Roden: „Wir können nicht einmal Neugeborene aufnehmen.“ Von Ekkehard Wolf 

Seine Kollegin in der Praxis kann und will mehr arbeiten. Doch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) erlaubt es nicht. „Wir müssen jeden Tag aus Kapazitätsgründen Patienten ablehnen“, schrieb Dr. Hinkel im Juli an die KV Hessen. Bei Neugeborenen und Säuglingen sei das untragbar. Der Ansturm auf die Kinderarztpraxen in Rodgau und Umgebung sei so stark, dass seit Monaten eine kinderärztliche Mangelversorgung bestehe: „Die Kollegen in Seligenstadt und Rödermark, die bisher auch noch erreichbar waren, sind selbst inzwischen überlaufen und nehmen keine Patienten aus Rodgau mehr an.“ Die steigende Geburtenrate ist ein Grund für diese Entwicklung. Vor zwei Jahren registrierte das Standesamt Rodgau 360 neue Erdenbürger, im vergangenen Jahr waren es bereits 402. Dieses Jahr zeichnet sich eine ähnlich hohe Zahl ab.

Neubaugebiete und die kinderfreundliche Politik der Stadt bringen zunehmend junge Familien nach Rodgau. Einen Kinderarzt zu finden fällt diesen Familien aber schwer. Kein Wunder: Seit 2003 gibt es unverändert nur zwei Kinderarztpraxen in Weiskirchen und Nieder-Roden. Obwohl die Patienten vor der Tür stehen, sieht die Kassenärztliche Vereinigung keinen erhöhten Bedarf. Im Gegenteil: Die Versorgung mit Kinderärzten sei im Kreis Offenbach sichergestellt, schreibt das „Team Bedarfsprüfung“ der KV Hessen nach einem Antrag aus Rodgau.

Dr. Andreas Hinkel hatte beantragt, dass seine Kollegin Dr. Nadine Gerhold-Stieb ihre Stelle von 13,5 auf 31 Stunden pro Woche aufstocken darf. Die KV Hessen will diesen Antrag ablehnen. Seit fünf Jahren arbeitet die Kinderärztin bei Dr. Hinkel. Beide teilen sich eine Stelle. Mit dem Jobsharing wollte Dr. Hinkel Zeit für andere Aufgaben gewinnen, unter anderem für eine ehrenamtliche Tätigkeit in Nairobi.

Medizin kurios: Bei diesen Patienten staunt sogar der Arzt

Eine Vorschrift der Gesundheitsbürokratie wird nun zum Bumerang. Wenn zwei Ärzte beginnen, sich eine Stelle zu teilen, wird ihr Praxisbudget eingefroren. Damit sind sämtliche Leistungen gedeckelt, auch zeitraubende Vorsorgeuntersuchungen. Die Folge: Wer für seine Patienten Überstunden macht, muss das dafür fällige Arzthonorar zurückzahlen. „So geht es nicht weiter“, sagt Dr. Hinkel. Er und seine Kollegin arbeiten ohnehin schon viel: Sie haben mehr als 1 500 Patienten im Vierteljahr, der hessische Durchschnitt liegt bei 1 100 Patienten pro Kinderarztsitz. Die Zahlenspiele der KV Hessen seien „völlig absurd“.

Quelle: op-online.de

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