Lucia Puttrich bei Kronen-Lichtspielen

Kinobesuch mit Dienstwagen

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Die alte Technik macht als Fotomotiv mehr her, auch wenn der Besuch der Ministerin der Digitaltechnik gilt: Willi Rebell zeigt Lucia Puttrich, wie die Filmstreifen und das Vorführgerät aussahen. Die Filmrollen wogen an die 50 Kilogramm, erzählt der 83-Jährige.

Jügesheim - Zum Abschied gibt es sogar ein Küsschen für die Europaministerin. Willi Rebell herzt Lucia Puttrich: „Es war schön, Sie kennenzulernen“, sagt er. Tatsächlich entsteht der Eindruck, dass der offizielle Besuch der CDU-Politikerin in den Jügesheimer Kronen-Lichtspielen keine Standard-Visite ist. Von Simone Weil

Rebell hat viel zu erzählen und die Ministerin will viel wissen. Zum Beispiel wie viele Vorstellungen es in dem Haus an der Hochstädter Straße 13 täglich gibt, die Zahl der Plätze und wer den 83-Jährigen bei der Arbeit unterstützt: So erfährt die Christdemokratin, dass Enkelin Nathalie dem Großvater bei den täglich zwei bis drei Vorstellungen im Familienbetrieb hilft, der seit 1953 existiert. Hinzu kommen noch einige Aushilfen für Filmvorführung und die Kasse.

Rebell führt die Besucher durchs Haus: 193 plüschige, rote Sitze finden sich im großen Saal im ersten Stock der ehemaligen Metzgerei Bruder. „Das war die Worschtküch“, erklärt der Hausherr mit Blick auf den kleineren Raum, der 63 Zuschauer fasst und im Juli 1996 umgewandelt worden war. Hinter der Leinwand sollen noch die ursprünglichen Kacheln zu sehen sein, erzählt der alte Herr. Zwischen seinen Berichten posiert er mit der Politprominenz für die Fotografen, als mache er sein Lebtag nichts anderes.

Hessens Europaministerin ist unterwegs, um sich über die Umrüstung des Kinos auf die digitale Technik zu informieren. Mit mehr als 1,4 Millionen Euro aus dem Europäischen Regionalfonds (EFRE) haben etwa 60 hessische Kinobetreiber seit dem Jahr 2011 bereits ihre Anlagen modernisiert. „Mit diesen Besuchen kann ich zeigen, wo EU-Mittel im täglichen Leben fließen“, erklärt die 53-Jährige ihr Anliegen: „Das ist ein Stück Europa im Kleinen.“ Das Kino von Willi und Helga Rebell wurde mit rund 16.000 Euro von der EU gefördert und weiteren 26.000 Euro aus öffentlichen Mitteln unterstützt. 22.000 Euro steuerten die Inhaber aus der eigenen Tasche bei und investierten auch noch einmal 1500 Euro in eine 3-D-Anlage. Die Modernisierung honorierten im vergangenen Jahr etwa 22.000 Besucher des kleinen Lichtspielhauses.

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Übrigens geht Lucia Puttrich privat auch gerne mal ins Kino. Einen Besuch hat sie sich fürs kommende Wochenende vorgenommen, weil es dann wegen der tollen Fastnachtstage nicht so voll ist, hofft sie. Empfehlungen, was sie sich anschauen soll, kommen von einer ihrer beiden Töchter, die sie auf dem Laufenden hält. Und: Popcorn gehört für die Ministerin unbedingt zum wirklichen Filmgenuss dazu. An den ersten Streifen, den er 1953 zeigte, kann sich Rebell noch erinnern, vor allem wegen der Nacktbadeszene: „Sie tanzte nur einen Sommer“ mit Ulla Jacobsen. Ein großer Tanzsaal im Haus war vorhanden und „genügend Stühle hatten wir auch“, erzählt er. Außerdem sei mit Kino damals noch Geld zu verdienen gewesen – bis zur Fußballweltmeisterschaft von 1954, dann wurde das Fernsehen einflussreicher.

Der gelernte Werkzeugmacher, der später in die Metzgerei des Schwiegervaters einstieg und schließlich seinen Meister machte, holte anfangs die neuen Streifen selbst im Verleih in Frankfurt ab, um sie am Freitag, Samstag und Sonntag in Jügesheim zeigen zu können. Erst nachdem die Metzgerei geschlossen war, flimmerten täglich Kinofilme über die Leinwand. Dass es in Jügesheim mit den Saalbau-Lichtspielen noch ein zweites Kino gibt, das im Besitz einer Metzgerfamilie ist, ist eine Rodgauer Spezialität, die bundesweit für Beachtung gesorgt haben soll, versichert der alte Herr.

Quelle: op-online.de

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