Liebesbriefe aus dem Schützengraben

Feldpost erzählt eine rührende und tragische Geschichte

Rodgau - Der Valentinstag gilt als der Tag der Liebenden. Von einer großen und leider auch tragischen Liebe kann Karin Bretthauer erzählen. Von Bernhard Pelka 

Karin Bretthauer vor der Flut von Liebesbriefen. Sie bewegen sie bis tief ins Herz.

Ihr Vater Christian Ricker aus Weiskirchen schrieb als Wehrmachtssoldat im Schützengraben und Lazarett Hunderte Liebesbriefe an seine Frau Emma. „Mir schießen noch heute die Tränen in die Augen wenn ich das lese.“ Sichtlich bewegt sitzt Karin Bretthauer vor einem großen Berg Briefe. Vorsichtig nimmt sie einen nach dem anderen in die Hand und liest die in dünnen Bleistiftstrichen akkurat geschriebenen Worte. Tatsächlich ist nicht nur die Vielzahl der schriftlichen Liebesbeweise bewundernswert. Vor allem imponiert der geradezu lyrische Inhalt. Das gilt umso mehr, wenn man sich klar macht, unter welchen Umständen die Texte entstanden sind: inmitten von Kriegselend, grausamen Erlebnissen, umgeben von Tod und Hunger. Wie groß muss diese Liebe gewesen sein. Wie sehr muss dieser Mann seine Frau vergöttert haben.

„Wenn der Abend dämmert, denke ich oft an Dich. Wenn der Morgen graut, weckt die Sehnsucht mich. Bist Du auch in weiter Ferne, schlägt mein Herz doch nur für Dich. Wär bei Dir ich so gerne, doch das Schicksal will es nicht“, heißt es da. Oder schwärmerisch: „Die ganze Welt dreht sich nur um Dich und all meine Sorgen versanken. Wie soll ich Dir jemals danken?“. Jedes Zettelchen, das Christian Ricker ergattern konnte, machte er zum Feldpostbrief an seine große Liebe zuhause. „Manchmal hat er drei Briefe am Tag geschrieben“, ist seine Tochter Karin Bretthauer noch heute gerührt. Ihren Vater hat sie nie richtig kennengelernt. Außer den Briefen, die ihre Mutter bis zu ihrem Tod 2012 in einem Koffer verschlossen hielt, hat sie an ihn kaum eine Erinnerung. Wenigsten helfen die Texte und ein paar wenige Fotos von damals, sich ein verschwommenes Bild zu machen.

Christian Ricker stammte aus Weiskirchen. Seine Eltern Johann Christian und Margarethe Ricker (geborene Löw) betrieben eine Metzgerei an der früheren Lessingstraße (heutige Von-Weber-Straße). Der Metzgerssohn machte eine Kaufmannslehre in der Lederwarenfabrik Döbert in Hausen. Dort lernte er in der Nachbarschaft die Liebe seines Lebens kennen: Emma Waitz, zarte 18 Jahre alt. Schon 1941, kurz nachdem sich die beiden kennengelernt hatten, musste der damals 19-Jährige einrücken. Geheiratet wurde dann im November 1942 während zwei Tagen Heimaturlaub. Das geschah notgedrungen in der Pfarrgemeinde Christkönig in Edelzell bei Fulda.

Der Erste Weltkrieg auf Feldpostkarten

Christian Ricker kam nach Russland. Mehrfach wurde er verwundet. Als Panzerfunker führte ihn sein letzter Kriegseinsatz 1944 schließlich nach Laval in die Bretagne. Von dort stammt sein letzter Brief, geschrieben am 4. August 1944. Recherchen des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes ergaben viele Jahre nach Kriegsende, dass der Panzer von Christian Ricker im Gefecht von einer Fliegerbombe getroffen wurde. Seine Ehefrau Emma hoffte eine kleine Ewigkeit vergebens auf seine Heimkehr. Nach vielen Jahren der Trauer hatte sie zwar wieder einen Lebensgefährten. Geheiratet hat sie aber nie mehr.

Quelle: op-online.de

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