Lithografie in Weiskirchen

Steindruck lebt von Kunst

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Manfred Hügelow hat sich sein ganzes Leben lang mit der Lithografie beschäftigt. Auf gemusterte Tapeten kann Manfred Hügelow gut verzichten: So kommt die Kunst besser zur Geltung.

Weiskirchen - „Ich habe immer mit der Kunst gelebt.“ Manfred Hügelow zeigt auf die Wände, die ihm Ausstellungsfläche sind. Gemusterte Tapeten habe es bei ihm noch nie gegeben, sagt er. Von Simone Weil 

Seit 45 Jahren ist der gebürtige Berliner in der Kunst tätig, seit 35 Jahren handelt er mit Werken der bei ihm verlegten Künstler. Seit zehn Jahren wohnt er in Weiskirchen, hat es sich in der ehemaligen Güterhalle des Bahnhofgebäudes gemütlich gemacht.

Der 75-Jährige wird nicht müde, von der Lithografie, dem Vorläufer des heutigen Offsetdruckes (Flachdruckverfahren) zu schwärmen: „Der Stein lebt. Was man da machen kann, ist Wahnsinn.“ Der gelernte Drucker hat sich dem anspruchsvollen Handwerk verschrieben, das nur im Kunstdruck überlebt hat. Kleine Auflagen von 30 oder 40 Exemplaren stellt der Steindrucker her. „Mehr wird man heute nicht mehr los“, weiß der Händler – weil inzwischen in der Gesellschaft der Mittelstand fehlt. Der Fachmann hat viel experimentiert und hütet seine Geheimnisse. Gerne würde er sein Wissen und seine Erfahrung weitergeben und tüftelt an den Möglichkeiten, eventuell noch einen Steindrucker auszubilden.

Wenn Hügelow von Kunst spricht, wird er leidenschaftlich. Was er druckt, muss er gut finden. Am besten beides: die Arbeit und den Künstler. Es ist „eine Phase der Erarbeitung“, wie der Kunstfan sagt, ein kreativer Prozess, in dem der Drucker auch Einfluss nimmt auf das Werk. Um den Künstler besser zu verstehen, seine Ansätze besser nachvollziehen zu können, sei „Schnüffeln im Atelier“ unverzichtbar, findet der Experte. Er schätzt Karl-Otto Götz, einen Meister des Informel, oder Dagmar Jost, deren Werke hat er auch gern gedruckt. Erst um Mitternacht ist der Wahl-Rodgauer am Tag zuvor aus Saarbrücken zurückgekehrt, weil er dort eine Podiumsdiskussion besucht hat, die sich mit der Frage „Was darf Karikatur?“ beschäftigt hat. Die künstlerische Freiheit dürfe keinesfalls beschnitten werden, findet der Händler und hat sofort weitere Beispiele für frühere Kunst-Aufreger parat. „Kunst hat auch eine politische Verpflichtung“, findet Hügelow.

Von 1961 bis 1970 lehrte der Drucker an der Kunsthochschule Berlin das Fach Grafik-Lithografie. Vier Jahre arbeitete er in der Schweiz bei der renommierten „Erker-Presse“ in St. Gallen als Ausbilder und Leiter der Werkstätten. 1974 machte er sich am Chiemsee selbstständig, 1978 zog er nach Frankfurt am Main. 1993 verlegte er seine Firma an die Kaiserstraße in Offenbach. Im Hinterhof wurde gedruckt. Kein Schild habe der Kundschaft den Weg zu ihm gewiesen, erzählt Hügelow beiläufig. Das war nicht nötig. Als er seine Werkstatt vor zehn Jahren aufgab, zog seine „Elisabeth“, wie er die fünf Tonnen schwere Konterandruckpresse nennt, als Teil der Senefelder-Stiftung auf das Offenbacher Firmengelände von „manroland“ an der Mühlheimer Straße. Dort sollen künftig auch Veranstaltungen stattfinden. Die Stiftung wurde 1971 anlässlich des 200. Geburtstags von Alois Senefelder gegründet und hat ihren Sitz im Offenbacher Haus der Stadtgeschichte im Bernardbau.

Immer wieder entdeckt der Senior Künstler, mit denen er gern zusammenarbeiten würde. Kürzlich hat er im Offenbacher KOMM-Center Ali Zülfikars Ausstellung gesehen, der großformatige Porträts zeichnet. Mit dem in Köln lebenden Künstler plant er eine Philosophen-Reihe. Auch über weitere Projekte denkt er nach: Denn Hügelow will drucken bis er 80 ist. Auch wenn der Steindruck körperlich anstrengend ist: An 30 bis 40 Abzügen wird nämlich einen ganzen Monat lang gearbeitet. „Man ist geschafft, wenn man eine Edition fertig hat“, berichtet er.

Quelle: op-online.de

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