Michael Grimm in Burkina Faso

Aus Jügesheim nach Afrika

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Gespräch mit einem Zweiradmechaniker - eine weitere Szene im Film. Viele Kleinstbetriebe verzichten auf Anschaffungen, die eigentlich notwendig wären.

Rodgau - In einem der ärmsten Länder der Welt versucht Michael Grimm eine Krankenversicherung einzuführen. Grimm ist in Jügesheim aufgewachsen und hat in Dudenhofen Abitur gemacht. Als Professor für Volkswirtschaftslehre forscht und lehrt er an der Universität Passau. Sein Projekt in Burkina Faso ist Thema zweier Fernsehdokumentationen. Von Ekkehard Wolf

Burkina Faso ist eines der ärmsten Entwicklungsländer. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung muss mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen. Nur jeder vierte Einwohner kann lesen. In den ländlichen Regionen leben die meisten Menschen von der einfachsten Form der Landwirtschaft: Sie bauen Getreide, Obst und Gemüse für den Eigenbedarf an. Der Gesundheitszustand der Bevölkerung ist schlecht. Frauen haben eine Lebenserwartung von durchschnittlich 57 Jahren, Männer werden nur 53 Jahre alt. Jedes fünfte Kind stirbt in den ersten Lebensjahren.

Prof. Dr. Michael Grimm spricht mit einer Schneiderin in der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou, die er zu einer Mikrofinanzinstitution begleitet hat.

Nicht nur Malaria und andere Krankheiten machen den Menschen zu schaffen. Zu den Risiken des Alltags zählen auch Dürrezeiten und Unwetter. Versicherungen sind unbekannt. In den regionalen Sprachen gibt es nicht mal ein Wort dafür. Hier kommt Professor Dr. Michael Grimm ins Spiel. Als Entwicklungsökonom beschäftigt er sich mit wirtschaftlichen und sozialen Problemen der Länder südlich der Sahara. Bei einem Projekt für die Weltbank fiel ihm und seinen Kollegen auf, dass Klein- und Kleinstunternehmen nur wenig investieren. Warum? Die Forscher fanden zwei Antworten auf diese Frage. Erstens: Die Kleinbetriebe kommen nur schwer an Kapital. Zweitens: Sie stecken ihr Geld nur ungern in Kapitalgüter, weil sie jederzeit damit rechnen müssen, die Risiken des täglichen Lebens ausgleichen zu müssen - zum Beispiel die Kosten einer ärztlichen Behandlung.

Krankenversicherung auf dem Land

An dieser Stelle setzt die Idee der Versicherung an. Kleine Versicherungsfonds vor Ort, die von der Bevölkerung mitverwaltet werden, sorgen dafür, dass die medizinische Behandlung gesichert ist. Diese gemeindegestützte Krankenversicherung wird zunächst in der ländlichen Gegend von Ziniaré aufgebaut. Falls sie sich bewährt, kann sie ein Vorbild für andere Regionen des Landes sein.

Im Fernsehen

- Die Fernsehdokumentation „Der Glanz der Schattenwirtschaft“ läuft am 13. März um 8.55 Uhr und am 17. März um 9.50 Uhr im Programm von Arte. Danach ist die Sendung in der Mediathek „Arte + 7“ zu sehen. Die Doku beleuchtet Projekte in Nigeria und Burkina Faso.

- Eine 90-minütige Version mit stärkerem Fokus auf Burkina Faso wird gegen Ende des Jahres im BR-Fernsehen ausgestrahlt.

Eine unabhängige Organisation (NGO) baut die Krankenversicherung auf. Michael Grimm und sein Team begleiten das Projekt von der wissenschaftlichen Seite. Im Herbst 2013 wurden 1 500 Haushalte in der Region Ziniaré befragt und 500 weitere Haushalte, die mit ihnen in Verbindung stehen - zum Beispiel erwachsene Kinder in der Stadt. Weitere Befragungen sind in ein, zwei und drei Jahren vorgesehen. Zweimal im Jahr fliegt der Passauer Professor für ein bis zwei Wochen nach Burkina Faso. Doktoranden, Masterstudenten oder andere Mitarbeiter sind bis zu zwei Monate lang vor Ort. „Die Haushaltsbefragung machen wir immer mit lokalen Leuten“, so Grimm, „wenn wir als Weiße durchs Land gehen, um Haushalte zu befragen, wäre das nicht so einfach.“ Die Forscher erwarten nicht nur, dass die Menschen schneller gesund werden, wenn ihre medizinische Behandlung gesichert ist. Sie hoffen auch, dass die Familien mehr Geld in Bildung und in ihre kleinen Unternehmen investieren. Wenn das große Alltagsrisiko der Krankheit abgedeckt ist, könnte die wirtschaftliche Produktivität wachsen.

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Für ein armes Land bieten solche Projekte die Chance, sich weiterzuentwickeln und den Abstand zum Rest der Welt zu verringern. Gleichzeitig können Wissenschaftler mit ihrer Arbeit spürbar etwas bewegen. Sie sprechen von einem experimentellen Ansatz, der ihnen erlaubt, Ursache und Wirkung zu analysieren. Grimm: „Wir können klar sagen, was die Wirkung der Versicherung ist und was auf andere Einflussfaktoren zurückgeht.“

Als Entwicklungsökonom weiß Michael Grimm, dass es noch viel zu tun gibt: „Es sind unheimlich komplexe Probleme. Regierungen und internationale Organisationen sind offen für Ansätze, wie man diese Probleme lösen kann. Man kann dort praktisch tätig werden in einer Weise, wie sie in OECD-Ländern sicher nicht möglich wäre.“ Ein Hoffnungsschimmer für das westafrikanische Land: „Die Weltbank und die Regierung vor Ort sind interessiert. Es sind Projekte, die im Moment viel Aufmerksamkeit erhalten.“

Quelle: op-online.de

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