Mit dem Rad mobil:

Nachhilfe für Flüchtlinge bei der Vorfahrt

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Wie erklärt man „Rechts-vor-Links“ auf Englisch? Verkehrserziehung in der Fremdsprache ist gar nicht so einfach.  Foto: sjs

Nieder-Roden - Fahrräder reparieren und Verkehrsregeln lernen. Weil das für viele Flüchtlinge Neuland ist, helfen Ehrenamtler in Zusammenarbeit mit dem ADFC und bieten Workshops und auch Verkehrserziehung an. Von Sven Stripling

Die Klingel ertönt und Bremsen quietschen, an Kreuzungen wird noch „Stopp“ gebrüllt oder debattiert, um die Vorfahrt zu klären: Beim ersten Treffen der Teilnehmer der „Verkehrserziehung für Flüchtlinge“, bei dem insbesondere der Straßenverkehr aus Sicht eines Radfahrers näher gebracht werden sollte, konnte noch nicht alles klappen. Wenn man mit den deutschen Verkehrszeichen nicht vertraut ist, kann es Schwierigkeiten geben. Wer kann sich schon alles auf einmal merken, vor allem wenn die Verständigung zwischen Instruktoren und Teilnehmern auf Englisch stattfinden muss?

Manfred Rosskopf von der Flüchtlingshilfe sowie Hermann Gehrke und Wilfried Siedenberg vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club Rodgau (ADFC) halten Verkehrsschilder vor der siebenköpfigen Gruppe hoch und suchen nach Worten. Wie erklärt man „Rechts-vor-Links“ auf Englisch? Die Gruppe hingegen schaut erwartungsvoll zu den Dreien und ist aufmerksam. „Right is first?“ hilft jemand aus der Gruppe ihnen fragend auf die Sprünge.

Doch ist die Grundregel des deutschen Straßenverkehrs damit allen klar? Schließlich sind die Kursteilnehmer aus Afghanistan, Somalia, Eritrea und Äthiopien ebenso wenig Englischprofis wie die Ausbilder an diesem Nachmittag. Nach einigen weiteren essentiellen Verkehrsschildern in der Theorie soll die Praxis das zeigen. Also auf die Räder. Mit dem Fahren scheint es schon gut zu klappen, das ist von den sieben Männern bereits trainiert worden.

Geordnet wirkt der simulierte Straßenverkehr oft noch nicht, was eventuell aber auch an der improvisierten Beschilderung liegen mag. Die Straßenschilder wurden schließlich nur mit einem schweren Gegenstand auf dem Boden fixiert. „You must wait, right comes first“, ruft Manfred Rosskopf einem seiner Schüler zu. Dieser ist gerade im Begriff, ihm die Vorfahrt zu nehmen und geht in die Bremsen.

Insgesamt wird das Ganze mit Spaß aufgenommen. Als es zur Besprechung des Kreisverkehrs kommt, machen sich drei Neulinge im deutschen Straßenverkehr zum Beispiel einen Spaß daraus, immer weiter im Kreis zu fahren und damit den Verkehr zum Stillstand zu bringen.

Die Idee für den Workshop kam letztlich daher, dass die Flüchtlingshilfe vor einiger Zeit zu Fahrradspenden aufgerufen hatte und etwa 40 Räder von Rodgauer Bürgern gespendet worden waren. Die Flüchtlinge aus dem Wohnheim in Nieder-Roden sollten etwas mobiler werden, das war der Grundgedanke. Die wenigsten aber kannten sich mit Fahrrädern aus, wussten etwas von der Reparatur oder den Verkehrsregeln.

Wie also dem Abhilfe schaffen? Zunächst begannen Manfred Rosskopf und Thomas Schneider im Hof der Karolinger Straße 14 damit, kleine Einführungen rund um das Rad und dessen Gebrauch zu geben. So entstand die Idee für einen gemeinsamen Kurs mit dem ADFC Rodgau zum Thema Verkehrsregeln. Bei den sieben Kursteilnehmern des Nachmittags, aber auch bei anderen aus dem Wohnheim, könne man mittlerweile auch schon immense Fortschritte beobachten, meinen die Anleiter.

Bilder: Bouffier besucht Flüchtlinge

Rosskopf fasst zusammen: „Gerade die Flüchtlinge aus Afghanistan und Eritrea wussten gar nicht, wie man mit einem Rad umgeht, geschweige es denn repariert, falls etwas nicht in Ordnung sein sollte. Das haben sie jetzt schon gut gelernt.“ Man werde das Angebot auf jeden Fall fortsetzen. „Dass beim ersten Workshop nur sieben Teilnehmer dabei sind, liegt freilich auch daran, dass viele auch erst ein Gefühl von Sicherheit brauchen, das bestimmt auch dadurch gefördert wird, wenn die anderen von dem Einführungskurs hier erzählen.“

Neben weiteren Kursen zur Verkehrserziehung sei aber auch noch eine Radtour durch Rodgau geplant, bei der die Flüchtlinge nicht nur den Straßenverkehr sondern auch ihre neue Umgebung besser kennen lernen sollen. Was bei all dem allerdings noch fehlt, so gut aller Anfang auch sein mag, seien hingegen angemessene Unterstellmöglichkeiten für die gespendeten Fahrräder. Diese stünden immer noch vor der Gemeinschaftsunterkunft im Freien und würden vermutlich über den Winter wieder unbrauchbar werden, glaubt der engagierte Flüchtlingshelfer Manfred Rosskopf.

Quelle: op-online.de

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