Projektentwickler im Interview

Jügesheim: Stadtmitte soll Gewinn für alle sein

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Interview Guido Berndt soll ein Einkaufs- und Dienstleistungszentrum für die Ortsmitte Jügesheim konzipieren. Die Stadt hat ihm jetzt den Auftrag erteilt.

Rodgau - Die Ortsmitte Jügesheims soll sich zu einem Einkaufs- und Dienstleistungszentrum für ganz Rodgau entwickeln. Ein unabhängiger Projektentwickler soll im Auftrag der Stadt die Wünsche und Möglichkeiten ausloten und daraus ein mehrheitsfähiges Konzept entwickeln.

Guido Berndt aus Wiesensteig (Baden-Württemberg) tritt ohne vorgefertigte Pläne an. Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Ekkehard Wolf erläutert er seine Arbeitsweise.

Was haben Sie in Jügesheim vor?

Heute wissen wir noch nicht, was letztendlich für eine Immobilie kommt. Wir möchten gemeinsam mit Verwaltung, Bürgern, Interessenverbänden und Einzelhandel klären: Was ist für Jügesheim und für ganz Rodgau verträglich? Was ist gewünscht? Auf der anderen Seite können wir aus unserer Erfahrung und unserer Kompetenz heraus sagen: Was ist wirtschaftlich, was ist unwirtschaftlich und wo kann man Kompromisse finden? Das heißt auch Aufklärung zu betreiben, weil sich vielleicht nicht alle Vorstellungen realisieren lassen. Auch bei den Grundstückseigentümern gibt es unterschiedliche Interessen. Wir müssen erst mal klären, wer bereit ist, sein Grundstück und sein Haus zu Gunsten einer solchen Entwicklung aufzugeben.

Was ist für Sie das Besondere an der Stadt Rodgau?

Das Besondere und auch das Schwierige ist, dass wir hier viele Stadtteile haben und es im Grunde genommen kein Zentrum gibt. Das ist einerseits interessant, weil man die Möglichkeit hat, etwas Qualitatives und Ansprechendes zu entwickeln, andererseits ist auch eine gewisse Sensibilität erforderlich.

Aber Sie nehmen damit doch zum Beispiel den Nieder-Rödern etwas weg, oder?

Wir nehmen nicht den Nieder-Rödern etwas weg. Die Frage ist doch: Was verliert Nieder-Roden oder was verliert Rodgau insgesamt dadurch, dass es kein Zentrum hat? Es gibt ja viele Anbieter, die hier gar nicht vertreten sind, die aber durchaus in eine Stadt dieser Größenordnung passen würden. Wenn das Zentrum attraktiv zum Einkaufen und Bummeln ist, lohnt es sich für alle: für die örtlichen Einzelhändler und die Filialisten. Man sieht ja an den Zahlen, dass viel Kaufkraft in die umliegenden Regionen abfließt. Und die gilt es wieder zurückzuholen, indem wir Rodgau attraktiv machen. Jügesheim bietet sich hier geradezu an, denn zum Stadtzentrum gehören auch eine Verwaltung, die Post, ein Marktplatz und eine Fußgängerzone: Hier soll das Leben stattfinden.

Wie wollen Sie vorgehen? Was sind Ihre ersten Schritte?

Heute ist der Startschuss für die Projektentwicklung, das heißt, wir schließen die Entwicklungsvereinbarung. Jetzt gilt es mit den Eigentümern Kontakt aufzunehmen und Informationen zu sammeln. Wir brauchen einen Gesamtüberblick, um zu erkennen: Wo gibt es kritische Punkte, wo gibt es unkritische Punkte und wie geht man mit denen um? Wo findet man den gemeinsamen Nenner? Im nächsten Schritt werden wir einen Arbeitskreis bilden und alle Beteiligten zur Mitarbeit einladen.

Die Stadt hat 30.000 Euro für Gutachten bereitgestellt. Wissen Sie schon, welche Gutachten Sie brauchen?

In erster Linie wird ein Verkehrsgutachten wichtig sein, um zu schauen, wo ist vielleicht ein Nadelöhr, wo muss man verkehrlich etwas ändern? Das hängt aber wesentlich vom Konzept ab: Wird es ein klassisches Einkaufszentrum oder ein gemischt genutztes? Wo wird die Anlieferung sein? Wird es eine Tiefgarage oder ein Parkdeck sein? Jede Art der Nutzung generiert unterschiedliche Fahrzeugfrequenzen.

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Und wann wollen Sie das fertige Konzept vorlegen?

Innerhalb von zwölf Monaten wollen wir gemeinsam ein Planungs- und Nutzungskonzept erarbeiten. Wir wollen bis dahin mit den Eigentümern eine Einigung erzielt haben, um an die Grundstückssicherung zu gehen. Dann können wir in die nächste Phase eintreten: das Baurecht vorantreiben, die Gutachten erstellen und das Ganze in die Tiefe führen.

Seit diese Entwicklung im Gespräch ist, hören wir immer wieder, es sei keine Zeit zu verlieren. Nun ist fast ein Jahr vergangen, seit Sie sich erstmals im Bau- und Verkehrsausschuss vorgestellt haben. Wie wollen Sie die verlorene Zeit aufholen?

Es ist ja keine verlorene Zeit. Ich denke, es war eine wichtige Zeit für die Stadt, um sich Gedanken zu machen, in welcher Form sie an eine solche Entwicklung herantreten möchte. Wir haben den Vorteil, dass wir selbst kein Investor sind, sondern die Investoren dazuholen, wenn das Konzept steht. Jetzt können wir frei entscheiden, was für Rodgau passt und was von der Mehrheit getragen wird, um dann die Wirtschaftlichkeitsberechnung anstellen zu können.

Wie schätzen Sie die Gefühlslage vor Ort ein: Sind die Menschen hier eher für oder eher gegen ein Einzelhandels- und Dienstleistungszentrum?

Ich glaube, dass allen bewusst ist, dass etwas geschehen muss. Es gibt aber auch Befürchtungen. Das ist bei solchen Entwicklungen üblich. Deshalb ist es wichtig, frühzeitig Aufklärung zu betreiben. Es führt vielleicht für den einen oder anderen Einzelhändler zu einer ungünstigeren Situation, aber alle sollten es als Chance begreifen. Wichtig ist, dass Rodgau insgesamt nach vorne kommt. Alle gemeinsam generieren die Kundenfrequenz - und alle profitieren davon.

Wir haben den Eindruck, dass auch bei den anfangs euphorischen Befürwortern die Stimmung zu kippen beginnt. Haben Sie das auch wahrgenommen?

Ich habe es nicht persönlich wahrgenommen, aber es ist typisch, weil es sich jetzt konkretisiert. Vorher war das Ganze nur eine theoretische Sache. Jetzt geht‘s ans Eingemachte. Da sind natürlich Skeptiker unterwegs. Es ist unsere Aufgabe, den Menschen die Ängste zu nehmen.

Zwei konkrete Fragen. Erstens: Wie wollen Sie die Verkehrsprobleme lösen?

Die kann ich jetzt noch nicht lösen, weil ich noch nicht weiß, in welcher Form sie auftreten werden.

Zweitens: Für die neue Stadtmitte müssen auch Häuser abgerissen werden. Was tun Sie, wenn ein Eigentümer nicht mitmacht?

Dann kann ich nichts machen und ich kann ihn auch nicht zwingen. Die Frage wird dann sein, ob in der Gesamtheit der Willigen ein Grundstückszuschnitt zur Verfügung steht, der uns ermöglicht, etwas vernünftig Wirtschaftliches und Nachhaltiges zu bauen.

Wie können Sie verhindern, dass in Rodgau eine Investitionsruine entsteht?

Das Projekt muss nachhaltig sein, ansonsten hat die Investition keinen Sinn. Diese Entscheidung treffe ja nicht nur ich als Projektentwickler, sondern auch der Investor. Und dann kommt jeder einzelne Filialist und Mieter und prüft: Ist das Konzept tragfähig, gehe ich da rein? Das heißt, viele Fachleute schauen sich das an, um am Ende zu sagen: Das funktioniert oder es funktioniert nicht. Niemand investiert leichtfertig einen zweistelligen Millionenbetrag. Auch die Banken prüfen das Ganze noch einmal. Wir sind nie gefeit davor, dass es am Ende doch nicht klappt. Das Risiko besteht immer, aber man hat es auf ein Minimum reduziert, indem man mit allen geredet hat und etwas entwickelt hat, hinter dem man steht.

Mit welchen Argumenten wollen Sie Skeptiker überzeugen?

Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil ich die Argumentation der Skeptiker noch nicht kenne. (lachend)

Sie versprechen „das beste Projekt für Rodgau“. Wie wollen Sie vermeiden, dass ein Teil der Bevölkerung Ihr Projekt als etwas Übergestülptes empfindet?

Indem wir einen Prozess einleiten, in den sich die Bevölkerung einbringen kann. Das ist nicht so zu verstehen, dass wir alles immer gemeinsam in einem großen Saal abstimmen, sondern dass wir mit Vertretern aus den unterschiedlichen Interessengruppen etwas entwickeln. Wenn wir einen gewissen Step erreicht haben, präsentieren wir ihn der Öffentlichkeit. Und dann warten wir auf das Feedback. In der Regel gibt es in so einer Veranstaltung recht wenige Wortmeldungen. Aber in den Wochen danach kommt noch viel zurück, wenn man an der Straßenecke mit dem und mit jenem redet. Das muss man auch wieder sammeln und bewerten: Wo ist die Kritik? Was können wir berücksichtigen und was nicht? Und so geht es Stück für Stück weiter. Es macht einfach Sinn, von vornherein offen und transparent vorzugehen, um frühzeitig Skepsis und Vorbehalte zu erkennen und darauf einzugehen. Wir sind uns einig, dass wir nicht alle glücklich machen können. Wichtig ist, dass es die Mehrheit ist und dass es insgesamt ein förderliches Projekt wird, das Rodgau voranbringt.

Quelle: op-online.de

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