Öko-Reserven liegen meist im Wald

Ohne Naturausgleich kein neues Bauland

Rodgau - Der Naturausgleich für die nächsten Baugebiete ist ohne Weiteres innerhalb des Stadtgebiets möglich. Das hat ein Gutachten im Auftrag des Magistrats ergeben. Von Ekkehard Wolf 

In den nächsten sieben Jahren kann die Stadt rund zwölf Millionen Biotopwertpunkte erzielen, wenn sie Wälder, Wiesen und Felder ökologisch aufwertet. Das Gutachten zeigt, wo das am leichtesten möglich ist. Die meisten Öko-Reserven liegen im Wald. Ohne Naturausgleich kein neues Bauland. In Rodgau dürften die zwölf Millionen Punkte nach Einschätzung des Magistrats auf absehbare Zeit aber ausreichen, um die geplanten Eingriffe in Natur und Landschaft auszugleichen. Weitere fünf Millionen Biotopwertpunkte sind theoretisch durch Öko-Maßnahmen auf privaten Grundstücken möglich, wenn die Eigentümer mitspielen.

„Wir übernehmen Verantwortung“, sagte Bürgermeister Jürgen Hoffmann im städtischen Umweltausschuss. Er bezeichnete das Gutachten als eine „wesentliche Grundlage zur Entwicklung neuer Baugebiete“. Im Mai hatten die Stadtverordneten drei neue Wohnbauflächen beschlossen. Die größte liegt im Westen von Jügesheim und Hainhausen zwischen S-Bahn-Strecke und Rodgau-Ringstraße und ist annähernd 45 Hektar groß – das ist fast ein neuer Stadtteil. Obwohl der Naturausgleich in erster Linie innerhalb des Baugebiets erfolgen soll, ist schon jetzt absehbar, dass das nicht gelingen wird. Die Stadtplaner im Rathaus schätzen, dass zusätzlich 6,7 Millionen Biotopwertpunkte gebraucht werden. Hoffmann: „Soweit möglich realisieren wir den Ausgleich im Baugebiet. Das hat aber seine Grenzen. 100 Prozent sind unrealistisch.“

Dieses Waldstück bei Weiskirchen will die Stadt ruhen lassen und nicht mehr bewirtschaften, um die Auflagen der FSC-Zertifizierung zu erfüllen. Der Mischwald aus hohen Kiefern mit Buchen-Unterwuchs dient als Referenzfläche. Die Behörden beobachten, wie sich die Artenvielfalt dort entwickelt.

Ziemlich genau lässt sich das ökologische Defizit bereits für das Baugebiet H 17 in Hainhausen-West beziffern. Im Gebiet am „Brötchenweg“ können wohl im nächsten Jahr die Bagger rollen. Der ökologische Wert der Wiesen, Felder und Hecken ist ermittelt. Die künftige Qualität kann man ausrechnen. Eine Grünanlage („Helixpark“) am Rand des Baugebiets soll einen Teil des Naturverlusts an Ort und Stelle ausgleichen. Dennoch fehlen noch rund 827.000 Biotopwertpunkte. Die Stadtregierung verfolgt das erklärte Ziel, den Verlust an Natur in Rodgau zu kompensieren. Bürgermeister Hoffmann nennt das einen „verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen im Stadtgebiet“. Er könnte auch einfach ein Sprichwort zitieren: „Wo gebaut wird, soll man Bäume pflanzen.“ Dass das nicht immer gelingt, zeigt die jüngste Erweiterung des Opel-Testcenters in Dudenhofen. Dazu wurden rund 172.000 Quadratmeter (17,2 Hektar) Kiefernwald gerodet. Trotz intensiver Bemühungen gelang es nicht, diesen Verlust vollständig innerhalb von Rodgau auszugleichen. Ein Weiskircher Landwirt hatte dem Autokonzern 2,5 Millionen Biotopwertpunkte angeboten.

Um nicht unter Zeitdruck zu geraten, will die Stadt Rodgau nun vorsorglich ihr Ökokonto füllen. Dazu muss sie Öko-Maßnahmen umsetzen und vom Kreis Offenbach anerkennen lassen. Nachdem das Stadtparlament vor der Sommerpause zugestimmt hat, kann der Magistrat die ersten Anträge stellen. 11.000 Euro stehen dafür in diesem Jahr bereit. Bis zum Jahr 2022 will die Stadt mehr als 1,3 Millionen Euro ausgeben, um Ökopunkte zu sammeln. Am Ende soll nicht nur die Natur gewinnen, sondern auch die Stadtkasse. Das liegt daran, dass der Aufwand für Ausgleichsmaßnahmen auf alle Bauherren umgelegt wird. Ein Ökopunkt ist derzeit 35 Cent wert. Die Stadt kann also mit Einnahmen von 4,1 Millionen Euro rechnen – ein satter Gewinn.

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Es gibt viele Möglichkeiten, die Landschaft ökologisch aufzuwerten. Man kann Ackerland in Wiesen umwandeln, die nur zwei Mal im Jahr gemäht werden, man kann aber auch Streuobst pflanzen, Teiche sanieren oder neue Feuchtgebiete für die seltenen Moorfrösche anlegen. Am einfachsten ist es wohl, Teile des Waldes nicht mehr zur Holzernte zu nutzen und allmählich verwildern zu lassen. Mit dem FSC-Zertifikat für nachhaltige Forstwirtschaft hat sich die Stadt Rodgau ohnehin verpflichtet, fünf Prozent des Stadtwaldes (also rund 100 Hektar) nicht mehr zu nutzen. Nun kann sie für die Flächenstilllegung sogar noch Ökopunkte sammeln.

Quelle: op-online.de

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