Ein Strohhalm als Geschenk

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Göttliche Gabe im Stall: Franz Kern, Krippenbauer aus Ober-Roden, hat das Gebäude und alles Zubehör außer den Figuren selbst geschaffen.

Rodgau - Alles andere als besinnlich ist die Adventszeit für Pfarrer: Bei den Geistlichen jagt oft ein Termin den nächsten, sie pendeln zwischen Beerdigungen, Feiern und seelsorgerischen Gesprächen. Von Simone Weil 

Doch an Weihnachten sollen sie eine Predigt halten, die die Zuhörer anspricht und vielleicht auch bewegt. Wir fragten hiesige Pfarrer vorab, was das Thema ihrer Ausführungen an den Festtagen sein wird. Pfarrer Axel Mittelstädt von der evangelischen Emmausgemeinde Jügesheim: Er beschäftigt sich mit „ungewöhnlichen Geschenken“, die Teilnehmer eines Krippenspiels mitbringen, die kurzfristig für die drei heiligen Könige eingesprungen sind. Einer hat eine Krücke dabei, weil er nach einem Unfall dankbar ist, wieder gehen zu können. Eine Mutter, die es nicht leicht hat, schenkt ihr Ja zum Leben und ein junger Mann kommt als König mit den leeren Händen. Er hat nichts, was er geben kann und weiß auch nicht, ob er überhaupt richtig ist, weiß gar nicht, ob er an Gott glaubt. Jemand aus dem Publikum schenkt ihm einen Strohhalm. Denn das Kind aus der Krippe sei der Strohhalm für die Menschen.

Mittelstädt hat sich ganz bewusst für ein seelsorgerisch ausgerichtetes Thema entschieden: Das sei ihm wichtig bei diesem Fest, das so auf Fröhlichkeit ausgerichtet sei. „Die, denen es gut geht, sind fröhlich, aber es ist mir ein großes Anliegen, denjenigen, denen es nicht so gut geht, Trost zuzusprechen.“ Der Geistliche will deutlich machen, dass Jesus Christus das Geschenk an die Menschheit ist, der arm und am Rande der Stadt empfangen wird. Pfarrer Felipe Blanco Wißmann von der evangelischen Gemeinde Nieder-Roden denkt über „Weihnachten in unbehauster Zeit“ nach. Er bezieht sich auf ein Bild aus dem 16. Jahrhundert, auf dem die heilige Familie in einer Ruine zu sehen ist. „Das passt zu unserer eigenen Baustelle“, findet der Pfarrer. Das Thema stehe aber auch für dieses Jahr, einer friedlosen Zeit ohne Sicherheit. Die Botschaft Friede auf Erden müsse in Beziehung zu aktuellen Ereignissen gesetzt werden, damit sie nicht als Hohn empfunden werde.

Pfarrer Dr. Peter Eckstein von der katholischen Gemeinde St. Matthias in Nieder-Roden will sich in seiner Weihnachtspredigt mit dem Leitthema „Das Große des Kleinen“ beschäftigen. „Der Blick in die Krippe offenbart auf den ersten Blick nichts Großartiges und doch ist es das“, sagt er. „Es sind kleine Anfänge, aus denen Großes entsteht oder kleine Gesten hinter denen aber ein ganzer Mensch steckt“, sagt er.

Pfarrer Ulrich Engel von der katholischen Gemeinde Weiskirchen und Hainhausen wehrt sich gegen die Kommerzialisierung: „Wir sollen keine gestressten Schenker sein, sondern nur dankbar Beschenkte“, sagt er. Gott lege sich an Weihnachten ungeheuer ins Zeug und gebe ein unbezahlbares Geschenk, seinen einzigen, göttlichen Sohn. Engel: „Das kann man nicht einfach nur zur Kenntnis nehmen.“ Das Schicksal nicht nur von Weihnachten, sondern der ganzen Welt und der Menschheit, hänge davon ab, ob man dieses Geschenk, so arm und elend in der Krippe, annimmt, oder ob man es übersieht, weil es für die moderne Welt keinen Wert mehr darstellt. „Wer dieses Geschenk verschmäht, hat die Chance seines Lebens verpasst, für den wird Weihnachten zum tragischen Fest, auch wenn er es noch nicht einmal merkt und unsere Geschenke noch so teuer waren“, sagt er.

Groß, größer, Weihnachten - Superlative im Advent

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Quelle: op-online.de

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